Dieser Auszug wurde 2011 am Ufer des Toten Meeres während einer Einweihungsreise durch Israel gefilmt. Daniel Meurois erklärt darin die Bedeutung des Gebetes nach der Lehre des Meisters Jesus.

Er hatte uns einige Gebete beigebracht, die wir gemeinsam aufsagten. Er sagte, es sei gut, sich diese Gebete anzueignen, weil diese mit einem bestimmten Energiefeld verbunden sind – was man heutzutage « Egregor » nennt. Damals sprach man nicht von « Egregoren », dennoch gab es einen aramäischen Begriff, der dieser Bedeutung sehr nahe kam. Eigentlich war es kein einzelnes Wort, sondern eine Gruppe von Worten bzw. eine Redewendung, die das Gleiche bedeutete.

Er brachte uns bei, uns dieser kollektiven und energetischen Kraftquelle anzuschließen. Für Ihn war diese Art von Gebet wichtig. Er legte aber noch mehr Wert darauf, dass wir lernen, unsere eigenen Gebete entsprechend den jeweiligen persönlichen Lebensumständen frei zu improvisieren. In anderen Worten sollten wir dabei ein Schloss in unserem Herzen – und nicht in unserem Kopf – entsperren, um alle Verkrampfungen, Verspannungen, Ängste, aber auch Sehnsüchte, die in uns lauern, freizusetzen.

Für Ihn bestand der Zustand des Gebets darin, eine innere Verbindung zum Vater, wie Er Ihn nannte, oder eventuell zur Mutter in manchen Fällen, herzustellen. Es ging nicht darum, geschwollene Worte und gut strukturierte Sätze zu machen, sondern schlicht und einfach die Schleusen unserer Herzen zu öffnen, damit die Verbindung zum Göttlichen nicht nur in eine Richtung funktioniert. Er versuchte, uns begreiflich zu machen, dass das Gebet nicht nur eine Bitte, sondern auch eine Gabe sein sollte. Ihr wisst es ja, man wird selbst meist zu einer Art Vampir, wenn man betet: « Lieber Gott, gib mir dies… gib mir das… « 

Für Ihn sollte das Gebet ein Austausch sein, das heißt: « Lieber Gott, gib mir dies und lasse mich auch etwas von mir geben, und ich danke Dir für alles. » Unsere Art zu beten sollte wie das Leben selbst sein: ein Austausch. Man nimmt und gibt, nimmt und gibt immer wieder… es ist wie das An- und Abschwellen der Gezeiten. Wenn man von der Lehre ausgeht, die wir von Ihm erhalten haben, war es Sein größter Wunsch, dass wir uns in diese Richtung entwickeln.

Sehr oft begannen wir mit einem gemeinsam gesprochenen Gebet, und anschließend ließ Er uns frei, ein einfaches, persönliches Gebet aus dem Herzen im Stillen zu sprechen. Glaubt nicht, dass es Stunden dauerte, denn für Ihn machten sehr lange Gebete und Meditationen nur Sinn, wenn man ein Gelübde ablegen wollte, zum Beispiel als Eremit, oder wenn man sich eine Zeit lang « in die Wüste » zurückziehen musste – das war etwas anderes. Aber wenn Er von Menschen wie uns sprach, Menschen, die voll im Alltagsleben stehen, dann empfahl Er eher relativ kurze, kompakte Gebets- und Meditationszeiten, in denen wir uns gut zentrieren konnten. Ihm war es allemal lieber als dass wir sagen müssten: « Wir haben nur 3 Minuten gebetet, das reicht nicht! » In Seinen Augen machte das keinen Sinn, ein Gebet oder eine Meditation in die Länge zu ziehen, wenn man sich nicht ausreichend zentrieren kann, denn dann zerstreut sich der Geist in alle Richtungen und das Gebet verliert an Intensität. Deshalb war Ihm ein kurzes, konzentriertes Gebet lieber als eine lang andauernde innere Versenkung, die den Eindruck eines großen Meditierenden oder Betenden weckt und doch im Endeffekt nur dazu führt, dass das Bewusstsein über kurz oder lang zerstreut wird. Das war Seine Lehre vom Gebet.