Die Wiederentdeckung des Heiligen…

Eric Dudoit, Doktor der Psychologie und Psycho-Pathologie, ist der Leiter der Abteilung für Psychoonkologie im Universitätsklinikum „la Timone“ in Marseille, Frankreich.

Daniel Meurois, Schriftsteller und Mystiker, ist der Autor von 35 Büchern, von denen die meisten Bestseller waren. Darüber hinaus nimmt er als Referent an zahlreichen internationalen Kongressen teil.

 

Daniel Meurois: Ich möchte über Christus reden, weil ich der Meinung bin, dass im Westen große Verwirrung herrscht in Bezug auf das Wesen Christi. Offensichtlich glaubt niemand mehr an irgendwas und niemand hat einen Sinn für das Heilige.

Wenn ich diejenigen beobachte, die das Heilige und Geistige eigentlich repräsentieren sollten, dann wird mir klar, dass, wenn ich einen anderen Lebensweg gehabt hätte – ohne die Beweggründe, die mich auf diesen Weg geführt haben und ohne die Erfahrungen, die ich gemacht habe – dann würde ich wie die meisten Menschen reagieren und mich kein bisschen für die Spiritualität oder das Geistige interessieren. Die Menschen, die uns die spirituellen Werte eigentlich vermitteln sollten, und die der Religion angehören oder behaupten anzugehören – der Religion im ursprünglichen Sinne, also dem, was die Menschen mit sich selbst und mit dem Göttlichen verbindet –, diese Menschen haben uns irgendwie den Sinn für das Heilige und die Religion in ihrem reinstem Ausdruck verleidet, weil … sie uns eine Lüge nach der anderen aufgetischt haben.

Das ist heute so offensichtlich geworden, nicht nur aufgrund des Verhaltens einiger Priester und anderer Kirchenvertreter – das sind Details, wenn auch sehr schmerzhafte –, sondern weil die Lüge nun schon seit Jahrtausenden anhält und wir heute nicht mehr bereit sind, eine Religion, die uns Märchen erzählt und uns von der eigentlichen Lehre Christi abhält, zu akzeptieren. Insofern ist es normal, denke ich, dass die christliche Religion heutzutage unter Druck gerät, weil es viel zu viele Lügen gegeben hat.

Es ist leicht, unwissende Völker anzulügen, aber je mehr die Leute wissen, das heißt, je mehr man ihnen die Möglichkeit gibt, nachzudenken und Abstand zu gewinnen, je mehr man ihnen die Möglichkeit gibt, sich zu informieren, desto weniger kann man sie anlügen.

Es ist normal, dass die heutigen Christen – oder die westliche Welt im Allgemeinen, da wir in einer Zivilisation mit jüdisch-christlichen Wurzeln leben –, nicht mehr bereit sind, tatenlos alles hinzunehmen, was man ihnen bis jetzt erzählt hat. Und die erste Reaktion ist Ablehnung.

Das kann ich gut nachvollziehen.

Manche behaupten, dass es die Wissenschaft war, die den starken Rückgang der Religion und den Verlust des Sinnes für das Heilige im zwanzigsten Jahrhundert verursacht hat, weil die Menschen durch die verschiedenen Entdeckungen, die in dieser Zeit gemacht wurden, gelernt haben, die Welt anders wahrzunehmen.

Das mag sein. Jedoch glaube ich, dass es auch einen anderen Grund dafür gibt, nämlich die Unfähigkeit der Religion, aufgrund der vielen Lügen, die heute nicht mehr ignoriert werden können, das Herz und die Seele der Menschen zu berühren. Diejenigen, die den Sinn für das Heilige übermitteln sollten, waren nicht mehr glaubwürdig und haben es nicht geschafft, sich der Entwicklung und der Bewusstseinsveränderung der Menschheit – besonders in der westlichen Welt – anzupassen.

Eric Dudoit: Das hat sie völlig aus der Fassung gebracht, das stimmt.  Aber du hast gerade den Ursprung des Wortes „Religion“ erwähnt, nämlich „religare“: anbinden, verbinden…

Daniel Meurois: Ja…

Eric Dudoit: Es gibt noch eine andere, ältere Abstammung des Wortes und das ist „relegere“, was so viel bedeutet wie: „Acht geben…“. Ich denke, unsere Welt hat verlernt, „Acht zu geben“…

Daniel Meurois: Genau…

Eric Dudoit: Was das Urvertrauen – nicht den Glauben, denn es besteht einen grundlegenden Unterschied zwischen den beiden – vermittelt, ist die Mystik im edelsten Sinne des Wortes; die wahre Arbeit an sicht selbst. Früher haben die Menschen nicht an sich selbst gearbeitet, man lebte im festen Rahmen einer Gesellschaft, die Gesetze und Glaubensrichtungen vorgab. Nachdem dieses System in Frage gestellt worden ist – und meiner Meinung nach war es eine gute Sache – stehen wir erstmal leer da, in anderen Worten haben wir das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

Unsere Zeitgenossen fühlen sich eher von Buddha als von Jesus angezogen. Das hat mich immer gewundert, denn, wenn man die ehrenhafte buddhistische Tradition kennt, dann erkennt man, dass es sich genauso um eine Religion handelt.

Daniel Meurois: Genauso ist es, ganz gleich, was die Buddhisten behaupten.

Eric Dudoit: Ganz gleich, was sie behaupten…

Daniel Meurois: Ganz gleich, was sie behaupten… Für sie ist Buddhismus eher eine Philosophie, aber wenn man sie bei ihren Ritualen beobachtet, dann wird einem ganz klar, dass es sich um eine Religion handelt.

Eric Dudoit: Es scheint so, als ob der Mensch Schwierigkeiten hat, die wahre Spiritualität in sich aufkeimen zu lassen und nicht genug Selbstvertrauen hat, um voranzuschreiten. Irgendetwas ist da kaputt gegangen… In dieser Hinsicht denke ich, dass die Psychoanalyse oder Psychotherapie – auch wenn sie keine geistlichen Disziplinen und auch keine Eckpfeiler sind – wenigstens gezeigt haben, dass es eine Form von Religiosität gibt, die im wahrsten Sinne des Wortes pathologisch ist. An Gott glauben, um zu besitzen… An Gott glauben, um nicht schuldig zu sein…

Freud hatte recht mit seiner Behauptung, dass es sich um eine kindliche Spiritualität handelt. Heute müssen wir erwachsen werden, da wir in gewisser Weise in die Pubertät gekommen sind.

Daniel Meurois: Ich bin ganz deiner Meinung. Viele Menschen haben über tausende von Jahren nach diesem Muster funktioniert; ja, sogar noch vor der Entstehung des Christentums, aber lass uns jetzt nur vom Christentum reden.

Man gehört einer Religion an, befolgt Dogmen und hält sich an Verhaltensregeln, aber nicht aus Liebe zur Liebe, nicht aus Liebe zum Heiligen, nicht aus Verbindung zur Göttlichen Präsenz, sondern „aus Angst vor…“ und weil „es so sein muss“; in anderen Worten man war im Glauben, aber nicht im Vertrauen.

Das Vertrauen ist etwas, das man im Inneren spürt und lebt, es ist die Verbindung mit einer Präsenz.

Wenn jemand mir sagt: „ich glaube“ oder „ich glaube nicht“, sind diese Worte für mich ohne Bedeutung. Worauf basiert dein Glaube? Auf etwas, was deine Eltern dir beigebracht haben, oder was die Gesellschaft als normal betrachtet…? Das macht keinen Sinn und fällt auch nicht ins Gewicht, solange dieser Glaube nicht auf einer persönlichen Erfahrung beruht.

Vertrauen ist nicht das Gleiche wie Glaube. Das Vertrauen ist die Folge einer Erfahrung, die man integriert hat oder die man dabei ist zu integrieren, und die sich erweitert.

Deswegen mache ich immer einen großen Unterschied zwischen den beiden. Nur wenige Menschen verstehen den Unterschied zwischen Religiosität und Spiritualität, egal wie oft man es ihnen sagt.

Für die meisten von uns ist Religiosität oft gleichbedeutend mit der Anbindung an ein Dogma und mit der Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft mit den entsprechenden Ritualen, Verboten und Richtlinien… und wenn man das Gute tut, wird man vielleicht einmal das Glück haben, ins Paradies zu kommen. Das ist die Art von Glauben und Religiosität, wo das Wissen einigen wenigen vorbehalten ist   – den Priestern, dem Bischof, dem Papst… – und die Menschen müssen sich fügen. Dabei wird nicht von ihnen gefordert, dass sie etwas erleben, sie müssen nur brav sein.

Das ist natürlich etwas vereinfacht dargestellt, aber es stimmt irgendwie.

Eric Dudoit: Wenn man dem Militär oder der Polizei die Lizenz zum Töten zugesteht, gibt man den heiligen Aspekt seines Lebens ab…

Die Protestanten haben vor einiger Zeit gesagt, dass wenn der Priester heilig ist… etwas verloren geht. Der Priester kann eine priesterliche Funktion zu einem gegebenen Zeitpunkt ausüben, er ist aber nicht der Vermittler zwischen dem Göttlichen und uns.

Ich denke, dass wir im Westen alles so kompliziert machen, dass wir das Gefühl bekommen, dass wir keine direkte Verbindung zu Christus erleben können und dass dieses Ziel unerreichbar ist… weil die Geschichte zeigt, dass es nicht möglich ist. Wir denken, dass wir dafür über den Priester oder die Kirche oder was weiß ich noch alles gehen müssen, obwohl wir eigentlich in der Lage sind, diese Erfahrung selbst zu erleben und Ihm zu begegnen. Wenn ich „begegnen“ sage, handelt es sich natürlich zuerst um eine Vorstellung, denn das Ganze ist ein kreativer Prozess, den wir in uns tragen und der nach und nach Gestalt annimmt. Etwas wird uns wirklich begegnen und unsere Welt erschüttern… aber sind wir wirklich bereit für diese radikale Umwälzung? Solange wir von anderen Sachen abgelenkt werden, sind wir nicht bereit für diese Umwälzung, denn der mystische Weg…

Daniel Meurois: … ist der Weg der Erschütterungen.

Eric Dudoit: Ein Weg, der uns nicht verschont…

Daniel Meurois: Das stimmt. Wir müssen bereit sein, alles in Frage zu stellen, wir müssen uns selbst in Frage stellen und das schließt unseren Glauben und die Grundlagen unseres Lebens mit ein.

Warum glaube ich oder warum glaube ich nicht? Warum bekenne ich mich zu einer bestimmten Religion und nicht zu einer anderen? Ist es auf der Grundlage einer persönlichen Erfahrung? Meistens nicht…  und das ist der große Unterschied.

Um auf den Begriff von Spiritualität zurückzukommen: ein spiritueller Mensch ist nicht unbedingt jemand, der sich zu einem bestimmten Glauben oder einer bestimmten Religion bekennt, es ist jemand, der das Heilige lebt, jemand der die Göttliche Präsenz in sich spürt, vielleicht zuerst durch seine Vorstellungskraft… Das ist nicht abwertend, denn die Vorstellungskraft ist die Fähigkeit, das Ungreifbare zu vermitteln, das, so ungreifbar es sein mag, nicht weniger real ist. Die Vorstellungskraft ist die Fähigkeit, ein Licht in sich wachsen zu lassen.

Eric Dudoit: Ja… weil, damit etwas uns anspricht, müssen wir diesem „etwas“ eine Tür offen lassen; in anderen Worten muss dieses „etwas“ in unserer inneren Welt existieren können. Für mich ist es Augenwischerei zu behaupten, dass diese Dinge nicht existieren können. Und dass nur das existiert, was unsere Maschinen nachweisen können oder was die Wissenschaft entdeckt…

Meine klinische Erfahrung als Psychologe und die Erfahrung vieler großer Wissenschaftler ist eine ganz andere. Nur weil sich ein Fenster in ihnen öffnet kann etwas geschehen, sonst gibt es keine Entdeckungen… Auch wenn dieses Fenster am Anfang aus der Vorstellungskraft entspringt und möglicherweise falsch ist… denn unsere Hypothesen können nur beweisen, was wir uns vorstellen können und vorgestellt haben.

Das sagt, unter anderen, Schrödinger oder auch die Quantenphysik…

Was mir wichtig erscheint, ist, dass wir dieses „etwas“ in unserem Inneren wieder öffnen, sonst sind wir eigentlich schon tot.

Daniel Meurois: Das ist die Erprobung. Aber dafür muss erst einmal ein Gefühl des Verdrusses mit unserer Welt entstehen. Ich bin davon überzeugt, dass, wenn zurzeit ein allgemeiner Zerfall von aller Religionen in der westlichen Gesellschaft herrscht, dann geschieht dies mit dem Ziel, in uns einen Graben, eine Art Abgrund entstehen zu lassen, wodurch wir bis auf den Grund absinken und nicht mehr atmen können.

Dann kommt ein Aufruf von unserem Inneren, weil wir unsere Seele umgepflügt haben, weil wir gewissermaßen ohne das Heilige ertrunken sind.

Eric Dudoit: Genau. Es ist so, als ob wir alle im Kollektiven die dunkle Nacht der Seele von Johannes vom Kreuz durchleben würden.

Daniel Meurois: So ist es. Und in diesem Sinne ist es eine gute Sache. Die heutige Welt muss es verstehen. Wie du schon sagtest, sollten wir nicht alles durcheinander mischen und nicht das Kind mit dem Bade ausschütten.

Eric Dudoit: Was ist im Grunde Religiosität? Das ist die zeitweilige Kristallisation der Spiritualität in einer gegebenen Kultur.

Es kann passieren, dass diese Kristallisation irgendwann und sehr schnell die Worte dessen, der sie initiiert hat, abwendet; nicht unbedingt durch Boshaftigkeit oder weil man etwas verschleiern möchten, sondern ganz einfach, weil die menschliche Sprache kein Rekorder ist.

Daniel Meurois: Genau…

Eric Dudoit: Jacques Lacan hat etwas Wunderbares gesagt: « Das Wort ist das, was uns verwüstet». Wir Psychologen basieren unsere Arbeit auf die Annahme, dass das Wort heilt; also gibt es da eine Diskrepanz. Vor der Heilung findet eine Verwüstung statt, die einem Umpflügen der Seele entspricht.

Ich habe das Gefühl, dass wir alle, ich selbst eingeschlossen, ein bisschen zögerlich sind, wenn es um die Verwüstung unserer Seele geht. Wir möchten lieber der Verwüstung entgehen und abwarten… sogar in den modernen Philosophien…

Daniel Meurois: man möchte eine andere Platte auflegen…

Eric Dudoit: In den modernen Philosophien, wie Ferguson sagte, oder in der New-Age-Bewegung, die einen wahren Aufruf hätte bedeuten können, fällt man doch wieder in eine Art Routine zurück, mit ein paar Leuten, die etwas sagen und denen man glaubt, ohne wirklich nachzuforschen: «Der hat mir gesagt, dass…».

Daniel Meurois: Man muss um eine Erfahrung bitten.

Ich schätze sehr die gnostischen Schriften, auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin, denn schließlich hat es sehr viele menschliche Einmischungen gegeben… aber es gibt einen sehr schönen Satz, den ich oft zitiere und der aus dem Heiligen Buch von Jakobus, einer gnostischen Schrift, stammt. Gemäß dieser Schrift  soll Christus Folgendes gesagt haben: « Glaubt nicht, dass ihr das Himmelsreich auf Meine Fürbitte hin betreten werdet; ihr werdet das Himmelsreich erst betreten, wenn ihr von Gott erfüllt seid. ».

Gott ist ein Konzept des Lichts, der Liebe; Gott ist eine Präsenz und nicht der Glaube an die Lehre eines spirituellen Meisters, sei er Christus oder Buddha, ganz egal aus welcher Tradition dieser Meister stammt. Es geht nicht darum, dass ihr das tut, was ein verwirklichtes Wesen euch sagt, in der Hoffnung, dass ihr dadurch diesen Raum der Wahrheit und des Lichts betreten könnt – im Osten nennt man diesen Zustand Advaita; es geht darum, dass ihr diesen Zustand in euch einladet.

«Von Gott erfüllt sein», das heißt, von einem unfassbaren Frieden erfüllt sein, sich mit diesem Frieden zu verbinden, der uns immer umgibt. Es handelt sich nicht um einen Ort und auch nicht um ein Wesen, das uns empfangen soll und uns die Türen zum Paradies öffnen soll; es ist ein Seinszustand. Wir müssen etwas in uns entfalten, wodurch wir aus der Illusion, der Lüge, der Faulheit herausfinden, so wie aus der Neigung, unsere Augen vor den Vorwänden und Gewohnheiten zu verschließen, die uns seit jeher stagnieren lassen.

Eric Dudoit: Du hast das Schlüsselwort genannt: Advaita.

Daniel Meurois: Advaita, oder Einheit.

Eric Dudoit: Wir müssen begreifen, dass das alles in uns entsteht; es gibt kein Innen und kein Außen. Es gibt nicht einerseits ein Universum außerhalb von mir, dem ich sagen kann, dass das, was ich erlebe, schwer ist, und andererseits ein inneres Universum, wo ich Zuflucht suche. Es ist dasselbe Universum, und das ist eine Tatsache.

Daniel Meurois: Und das erfordert einige Mühe, um zu diesem Erkenntnis zu gelangen.

Das Schwierige mit dieser Art von Überlegungen ist, dass sie erst durch den Verstand gehen müssen; man versucht, sich an neue Konzepte zu gewöhnen oder bemüht sich, Konzepte zu vertiefen und es ist sehr schwer, nicht in trockene metaphysische Überlegungen auszuschweifen – das passiert uns allen irgendwann. Viele Menschen bleiben lange, sehr lange in diesem Zustand und haben dabei das Gefühl, dass sie der Spiritualität, dem Geist und der Göttlichen Präsenz sehr nah sind.

Eric Dudoit: Man berauscht sich daran…

Daniel Meurois: Genau so ist es, weil der Intellekt ein Gefühl der Wollust vermittelt.

Eric Dudoit: Mein ganzes Leben habe ich diese Wollust erlebt. Wenn du Theologie studierst, und dann Psychologie, dann verstehst du irgendwann, dass es so etwas wie geistige Wollust gibt. Ich könnte das mit einer Drüse vergleichen, wodurch wir uns ernähren, immer wieder, immer wieder, und am Ende sind wir doch nicht schlauer!

Das ist der Augenblick der großen Depression für die Intellektuellen… aber mitten in dieser großen Depression wird es immer welche geben, die leugnen «Aber nein, ich bin nicht in einer Depression; was ich gelernt habe, ist die Wahrheit und basta », wobei sie genau wissen, dass irgendetwas fehlt.

Wenn ich eins gelernt habe in Psycho-Pathologie – und das ist wirklich wichtig –, dass jede Wissenschaft einer Religion gleich ist, wenn sie behauptet, die ganze Menschheit zu regeln. Selbstverständlich gibt es auch große Wissenschaftler, mit denen man auch vernünftig reden kann, aber das meiste von dem, was man heutzutage sieht, ist keine Wissenschaft mehr, sondern etwas anderes. Auf der kollektiven Ebene sieht man Werbeslogans wie «wissenschaftlich nachgewiesen, macht die Zähne weiß», das ist keine Wissenschaft mehr.

Das zeigt, dass sich etwas verändert hat und die Wissenschaft dabei ist, ein Dogma und eine Religion zu werden.

Diese Pseudo-Wissenschaft – die sich auf Oberflächlichkeiten, Statistiken usw. stützt – entspricht nicht der wahren Wissenschaft, wo die Forscher sagen «Ich habe keine Antwort; ich stehe vor Phänomenen, die ich nicht verstehe. Ich kann diese irgendwie erklären, aber das löst das Problem nicht.»

Das ist der Grund, warum ich alles liebe, was mit Licht zu tun hat. Man beobachtet es und es zeigt sich als Welle oder Teilchen auf andere Art und Weise.

Ich möchte fast sagen, dass es das Gleiche ist in der Mystik oder der Spiritualität; sehr oft, bevor man sich über einen anderen ärgert, weil er nicht die gleiche Sprache spricht wie wir, sollten wir uns fragen, aus welchem Blickwinkel er die Sache betrachtet und dann würden wir uns einig werden.

Wenn man Christus in sich aufnimmt, heißt es noch lange nicht, dass man bigott ist.

Daniel Meurois: An diesem Punkt ist es unerlässlich, etwas klar zu stellen, nämlich dass Christus nicht das Eigentum der christlichen Religion ist, sondern eine universelle und allgegenwärtige Energie ist…

Man kann Christus in einer Moschee finden, man kann Ihn in einem indischen Tempel finde, oder im hintersten Winkel Amazoniens, überall…

Ich erinnere mich, dass ich einmal einen kleinen Skandal verursacht hatte, als ich eine meiner ersten Konferenzen gab nach der Veröffentlichung von „Essener Erinnerungen“. Ich hatte es gewagt zu sagen, dass Jesus – Jeshua – kein Christ war… das war am Anfang der 80er-Jahre. Die Zuschauer haben große Augen gemacht… und zwei oder drei haben den Saal verlassen.

Aber nein, Er war kein Christ, natürlich nicht. Jesus… und Christus sind nicht an die christliche Religion gebunden. Diese Religion wurde von Menschen erfunden, insbesondere durch einige Prediger wie Saul von Tarsus (Paulus) und die ersten Kirchenväter. Mit den allerbesten Absichten vielleicht aber… Christus ist eine freie Energie; auf die Gefahr hin, manche Leser zu irritieren, möchte ich noch hinzufügen, dass Christus durch das Wirken des Heiligen Geistes durch den Kosmos entstanden ist. Ich verstehe Ihn als eine Kraft, die direkt aus dem Heiligen Geist hervorgeht, der wiederum aus der unermesslichen Göttlichen Kraft entsteht, welche keine Person ist, sondern ein Kraftfeld, das sich vom Leben ernährt… seit undenklichen Zeiten.

Diese Kraft ist es, die sich über manche Menschen ergießt – die man Avatare nennt, also hoch verwirklichte Wesen – und sie regelrecht explodieren und ausstrahlen lässt, damit sie zu einem gegebenen Zeitpunkt, auf dem einen oder anderen Kontinenten, die Erweiterung des menschlichen Bewusstseins anregen können. Es gibt so viele Christi wie es authentische, spirituelle Traditionen gibt.

Das mag einen Buddhisten oder einen Moslem schockieren, aber nur weil der Mensch immer dazu neigt, Besitz zu ergreifen…

Eric Dudoit: … ausgenommen die wahren Mystiker.

Daniel Meurois: Ja…  Und die wahren Mystiker aus allen Traditionen können sich nur einig werden. Was mich angeht, ist es egal, ob man Christus sagt oder Buddha, es handelt sich um dieselbe Energie… vielleicht jeweils mit einer etwas anderen Polarisierung, um der Sensibilität und den Bedürfnissen auf kollektiver Ebene von bestimmten Völkern entgegenzukommen; es ist aber dieselbe Kraft und hat kein Gesicht.

Jesus hat diese Kraft zu einem gegebenen Zeitpunkt verkörpert, er hat sie in sich aufgenommen und weitergegeben. Davor war es Krishna in Indien… Die Hinduisten haben sehr wohl verstanden, was der Begriff „Avatar“ bedeutet, nämlich ein Wesen, das in einem bestimmten Moment und einem bestimmten Land geboren wird und als „Katalysator“ fungiert für diese Energie, welche niemandem gehört und die direkte Emanation des Unkennbaren, des Göttlichen ist.

Eric Dudoit: Jedoch, um die westliche Welt zu gründen, musste man anders denken…

Daniel Meurois: Man musste anders denken.

Eric Dudoit: Man muss nur auf die Patristik schauen mit Nestorius, Pelagius, Arius – dem Gründer vom Arianismus – usw. … Das ganze drum herum, inklusive der Heiligen Dreifaltigkeit, die, man muss es sagen, eine Erfindung von Tertullian ist.

Daniel Meurois: Man kann darüber streiten… jedoch ist das Konzept von Dreifaltigkeit sehr praktisch, wenn auch nicht zwingend erforderlich auf einem spirituellen Weg.

Eric Dudoit: Ich würde sogar sagen, dass die Dreifaltigkeit keineswegs erforderlich ist. Ich mag aber Meister Eckhart, der uns sagt, dass der Begriff pädagogisch sinnvoll ist. Also OK für die Pädagogie der Dreifaltigkeit…

Man weiß, dass Tertullian das Konzept der Dreifaltigkeit im zweiten Jahrhundert erfunden hat. Er war Advokat und auch Rhetor… In der Bibel wird der Begriff von Dreifaltigkeit kein einziges Mal erwähnt.

Daniel Meurois: Aber dieses Konzept ist praktisch, das muss man zugeben. Das respektiere ich sehr, jedoch soll man nicht annehmen, dass es der Weg ist, durch den man gehen muss.

Das ist mir vor ein paar Jahren klar geworden… Was hat Jesus zum Christus gemacht?

Das war die Ausgießung des Heiligen Geistes. Dabei ist es erstaunlich, wenn man die Dogmen der klassischen christlichen Kirchen kennt, dass Jesus darin als vollkommen verwirklichtes Wesen von der Geburt an dargestellt wird. Er war Christus schon in der Wiege… Gott in Windeln, völlig anwesend in einem menschlichen Körper.

Jedoch hört man erst von ihm, nachdem er im Jordan den Heiligen Geist empfangen hat. Also, wie konnte es sein, dass Christus, der im Körper von Jesus schon völlig inkarniert gewesen sein soll, die Ausgießung des Heiligen Geistes im Jordan benötigte?

Als verwirklichtes Wesen… vollkommenes Wesen… Da ist doch eher unwahrscheinlich. Vielleicht hätte ein Theologe eine Erklärung dafür; vielleicht könntest du als Theologe das Spielchen spielen und ein paar Argumente finden, um dem zu widersprechen, aber lass uns lieber die Sachen ganz einfach betrachten. Man kann immer mit Worten spielen, lass uns aber lieber logisch argumentieren.

Eric Dudoit: Die Religion entbehrt sowieso jeglicher Logik: drei gleich eins … das fängt ja gut an!

Daniel Meurois: Logisch ist es nicht…

Eric Dudoit: Und in der Geschichte des Christentums gibt es nicht nur einen, sondern mehrere: das Filioque mit der Frage der doppelten Natur Christi. Nestorius, wenn ich mich recht erinnere…

Daniel Meurois: Nestorius ist auf ein Konzept eingegangen, das uns den Begriff des Avatars näher bringt. Er hatte sehr wohl verstanden und in christlichen, unserer westlichen Kultur angepassten Begriffen klar gemacht, dass ein Wesen wie Jesus eine doppelte Natur hat; das heißt, die menschliche Natur, der Avatar als verwirklichtes Wesen, frei von karmischer Last und von unermesslichen Dimension, wird zu einem gegebenen Zeitpunkt von der Göttlichen Präsenz erfüllt. Er sah darin die Fusion der menschlichen und der Göttlichen Natur.

Eric Dudoit: Die klassische kirchliche Tradition anerkennt die doppelte Natur Christi, jedoch nicht die Vereinnahmung des Körpers Jesus durch den Geist Christi.

Daniel Meurois: So ist es…

Eric Dudoit: Der Knackpunkt bei Nestorius war, als er sagte, dass das Konzept der Gottesgebärerin… naja, völlig übertrieben war.

Wie kann man die Mutter Gottes sein und Marie auf göttliche Weise lieben?

Daniel Meurois: Das ist nicht das Problem.

Eric Dudoit: Das ist nicht das Problem, aber… die Mutter Gottes zu sein… man sollte nicht übertreiben.

Daniel Meurois: Man muss die Worte und Konzepte sehr gut manipulieren können, um zur Erkenntnis zu kommen, dass Gott eine Mutter hat. Man muss schon raffiniert sein… ich würde sogar sagen, ein bisschen arglistig.

Und wozu im Endeffekt?

Es geht nicht darum, nur mal so Konzepte zu manipulieren, sondern darum, einen wahren inneren und spirituellen Weg wieder zu finden und nicht nur sich zu einem Glauben zu bekennen, wie wir eben gesagt haben. Wir müssen versuchen, zu unserem persönlichen gesunden Menschenverstand zurück zu finden in Hinsicht darauf, was unser Herz – man könnte auch sagen, unsere Seele – braucht; es ist wirklich eine Frage des „Brauchens“.

Unsere Gesellschaft, um das Bild von eben wieder aufzugreifen, befindet sich in einem Zustand der völligen Erstickung.  Und was wir mit diesem Gespräch versuchen zu erreichen – und ich denke, Eric, dass du mir zustimmst – ist, den Menschen klar zu machen, dass es auch eine Freude ist, in das alles einzutauchen. Es geht nicht nur darum, dass die Kirche Fehler gemacht und sich geirrt hat. Jeder hat seine eigene Meinung darüber, und jeder Weg hat auch seine guten Seiten.

Was wir vorrangig versuchen zu vermitteln, ist, dass es in der Tat Freude und Glück bereitet, einen offenen, spirituellen Weg anzutreten, der unseren inneren Bedürfnissen entspricht. Ich glaube, dass wir ein Licht in uns brauchen.

Selbst wenn wir behaupten: «Ich will an nichts glauben, das ist mir alles so was von egal», glaube ich, dass jeder Mensch, ganz egal, wie er es nennt, dieses Licht in sich braucht. Darauf kommt es an.

Eric Dudoit: Was du sagst ist wirklich wahr. Jung, ein Autor, den ich sehr schätze und der in Frankreich sehr wenig studiert wird, vielleicht weil er ein bisschen zu sehr Theologe ist, ein bisschen zu sehr altmodisch, Jung also sagte, dass die Arbeit eines Psychologen im Endeffekt darin besteht, ein Licht im Inneren der Seele anzuzünden. Nachdem ich Freud, Lacan und andere gelesen habe, komme ich wieder auf das Konzept der Seele zu…

Ich komme nicht darauf zurück, weil ich mich dem völligen Obskurantismus hinwende, sondern weil der Begriff der Psyche seine Substanz verloren hat. Ich habe nichts gegen „Cosmopolitan“ oder andere Zeitschriften, aber wenn diese die Psychologie auf die Aufdeckung des menschlichen Verhaltens anhand von verbalen und nicht-verbalen Signalen reduziert wird, erscheint es mir so lächerlich verglichen mit den wahren Forschern. Die wahren Forscher der Seele, wie die Psychoanalytiker oder die humanistischen Psychologen, diejenigen, die im Bereich der Somatopsychik arbeiten, das heißt, die den Körper benutzen, um zur Seele auf der energetischen Ebene zu gelangen, das sind alles Menschen, die diese Dimension wieder entdecken, und das ist der erste Stein, um verstehen zu können.

Wenn ich diesen Stein entferne und sage, es gibt die Psyche… aber ich weiß nicht, was das ist… dann komme ich nicht voran. Wir gehen auf den Monismus zu, aber dieser Monismus zeichnet sich nicht sehr klar ab… was nicht heißt, dass ich ein Dualist bin; ich sage nicht, dass es einen Körper und eine Seele gibt, sondern dass es eins und dasselbe ist.

Daniel Meurois: Ich stimme dir voll zu…!

Eric Dudoit: Es ist eins und dasselbe, aber es gibt Momente, wo man es besser ahnen kann. Es geht seinen eigenen Weg. Ich denke, dass wir noch mehr arbeiten müssen, um die verstaubten Sätze der alten Mystiker über die Seele an die Oberfläche zu bringen. Der Grund, warum ich das sage, ist dass die größten Autoren der Psychopathologie und der Energetik sich dieses Konzepts bedienen, um uns neue Einsicht in die Psyche zu geben.

Wenn ich mir sage, dass in mir nur mein Ich weilt und dass dieser „Ich“ meine Seele ist, dann irre ich mich zwangsläufig vollkommen. Selbst die großen Advaita-Meister, die sich außerhalb vom Dualismus in einem äußerst monistichen System befinden, machen einen Unterschied mit den psychischen Prozessen; das heißt, das die Psyche eine Welt für sich ist und das ist, meiner Meinung nach, sehr wichtig.

Wenn ich in dieser Welt der Psyche arbeite, dann brauche ich nicht einmal mehr, über die Absurdität von bestimmten Dogmen zu diskutieren.

Daniel Meurois: Das stimmt…

Eric Dudoit: Wie eben bereits erwähnt, die Mutter Gottes, man könnte 20 Jahre lang über sie sprechen, aber wenn man ein klein wenig vernünftig ist, dann geht das nicht.

 

Daniel Meurois: Nein, das geht nicht, ich glaube das liegt klar auf der Hand.  Und dann, man spielt mit den Wörtern.

Eric Dudoit: Zu sagen, dass Jesus uns von den Sünden befreit hat und egal ob ich damit Zähneknirschen auslöse oder nicht… aber welche Sünden, die von Adam?  Von mir aus… In Korinther 1.15 steht:  «Der erste Mensch, Adam, „ward zu einer lebendigen Seele“, und der letzte Adam zum Geist, der da lebendig macht»… der letzte Adam ist Jesus.  Ich bin eine lebendige Seele und ich möchte ein lebensspendender Geist sein.  Wenn ich diese Dynamik des Verlangens nicht in mir verspüre und wenn ich mich nicht danach sehne, dann bin ich ein Objekt.

Es scheint mir, dass in diesem Sinne unsere gesamte Spiritualität, die gesamte Menschheit, ob Moslem, Buddhisten, Christen oder sonstige, sich vereinen sollten, egal welche Farbe des Regenbogens sie bevorzugen, um wahrhaftig zu entdecken, dass in uns das Gleiche existiert wie ausserhalb von uns.

Daniel Meurois: Ich bin sehr wohl einverstanden.  Ich habe es in einem meiner Bücher gesagt, in einem der markantesten Momente meines Lebens auf meinem spirituellen Weg, im wahrsten Sinne des Wortes… ich habe es erlebt auf einem Balkon in Nordfrankreich gegenüber einer Halde und einer Ampel… und ich war dabei, mir zu sagen – wie ein Pfarrer aus meiner Kindheit mir sagte –  Gott sei allgegenwärtig.  Man eignet sich dies Wahrheit an: «Gott ist allgegenwärtig, Gott ist allgegenwärtig, Gott ist allgegenwärtig» aber man versteht nicht, was es wirklich bedeutet. Allgegenwärtig ist allgegenwärtig, und auch wenn ich jetzt schockiere, aber allgegenwärtig, das heißt auch bis ins Innerste eines Kuhfladens, weil allgegenwärtig überall ist und es gibt kein halbes Überall.

Und dann, was mache ich in jedem Augenblick meines Lebens?  Ich atme. Ob ich daran denke oder nicht, ich atme, sonst würde ich nicht leben. Das heißt, dass ich in jeder Nano-Sekunde meines Lebens ein Gas aufnehme, welches zwangsläufig die Präsenz Gottes enthält.

Wenn es etwas gibt, was mich ständig durchdringt, dann ist es die Präsenz Gottes, die  Gottesgegenwart, weil sie überall das Absolute darstellt. Und wenn man mal über diese Wahrheit nachdenkt, dann stellt man fest, dass man Gott überall sucht, obwohl er immer präsent ist.  Wir sind in seinem Körper, aber wir haften derart an seinem Körper, an all seinen Offenbarungen, dass wir ihn nicht sehen können.

Wir verstehen mittlerweile, wie ein Bild entsteht, seitdem es die moderne Drucktechnik mit Pixel gibt.

Ein Bild besteht aus einer gewissen Anzahl Pixel und – was uns betrifft, ist es so, als ob wir das Bild sehen wollten, also Gott, aber wir sind ja nur ein kleines Pixel. Wir haben nicht den nötigen Abstand und wir zerstückeln und trennen ständig und sind uns nicht bewusst, dass wir im Göttlichen sind, auf einem gewissen Grad seiner Strahlung.

Je mehr wir uns diesem Grad der Strahlung, in dem wir leben, bewusst sind, meist geschieht das jedoch unbewusst, desto mehr gewinnen wir an Höhe.  Ich sage nicht, dass wir eines Tages das ganze Bild sehen werden, aber wir nähern uns dieser Defragmentierung, wovon du eben sprachst, sprich, dass wir uns Advaïta nähern und uns weniger und weniger von allem, was ist, getrennt sehen.  Dann leben wir in der Erfahrung des Göttlichen und nicht mehr im Glauben dessen, was man uns über das Göttliche sagt.

Dahin sollte die Menschheit gelangen und das ist es, was ich an den Traditionen der Gnostiker seinerzeit so geschätzt habe.  Ich bevorzuge diese Traditionen der Gnostiker nicht, denn sie kennen auch ihr Durcheinander und ihre Gegensätze, aber das Interessante bei der Vorgehensweise der Gnostiker – die übrigens bereits vor dem Christentum bestand – ist die Einsicht, dass man am Erfahren des Göttlichen wächst und nicht am Beitritt eines Dogmas oder einer Religion.  Das ist fundamental.

Solange wir das nicht verstanden haben, solange sind wir Sklaven von dem, woran wir glauben sollten oder nicht, Sklaven der Verbote und der Annahme, dass Gottes Reich außerhalb von uns ist, anstatt zu wissen, dass es in unserem Innern einen Zugang zu ihm gibt, weil Gottes Reich ein Raum in uns ist.

Eric Dudoit: Damit bin ich ganz und gar einverstanden.

Daniel Meurois: Und so entsteht das Drama… ich spreche immer vom Westen, aber die gleichen Probleme bestehen anderswo auch, in unterschiedlichem Maße.  Die westliche Tradition lehrt uns das nicht und ermöglicht uns nicht, seit frühester Kindheit zu erkennen, dass wir den Zustand des Nicht-Getrennt-Seins und der Gotteserfahrung brauchen.  Das ist dramatisch…

 

Eric Dudoit: Das ist etwas, was ich hier im Westen nicht verstehe.  Es gibt Mönche, wie zum Beispiel Denis Vasse oder auch andere,  die Psychoanalyse erfahren haben und die ihren Glauben behalten haben.  Das ist doch erstaunlich, denn wenn  Psychoanalyse kein spiritueller Weg ist, dann ist sie mindestens eine spirituelle Aufgabe.  Sie ist also kein Weg, denn man erreicht Göttlichkeit nicht, indem man eine Psychoanalyse macht, aber sie ist eine Aufgabe.

 

Daniel Meurois: Meinst du spirituell im wahrsten Sinne des Wortes…

Eric Dudoit: Ja. Aber indem sie diese Erfahrung machen, schaffen sie es, sich von ihrem kleinen Ich loszusagen, das immerzu weint und mal zufrieden ist und mal nicht, aber man weiß nicht recht warum… Denn man hat ein schönes Auto, ein schönes Haus, einen schönen Swimmingpool und eines Tages stirbt man, und dann ist man nicht glücklich.

Ich glaube, was uns im Westen fehlt, ist, dass wir keine Aufgaben mehr machen wollen…

Daniel Meurois: Ganz genau.

Eric Dudoit: … Und das Göttliche, ob man es so nennt oder nicht, ist etwas, was aus dem Inneren des Herzens entsteht.  Mir gefiel das Mittelalter gut, wo man von „Agape“ – von Gott inspirierten uneigennützigen Liebe – sprach.  Du weißt bestimmt etwas darüber durch Franz von Assisi.  In dieser Liebe geht man bis zum Ende, auch auf die Gefahr hin, dass man sich vertut.  Heutzutage ist man dazu nicht bereit und es besteht eine gewisse Kälte.

Ich beschuldige meine Zeitgenossen nicht und ich bin ja auch einer von ihnen hier in diesem Jahrhundert, aber ich finde das wirklich sehr schade, denn in meiner Arbeit, wenn ich mich um Menschen kümmere, die dahinscheiden, dann stelle ich fest, dass es weniger die Gerechtigkeit ihres Lebens ist, die sie beunruhigt als die Angemessenheit, die Richtigkeit ihres Lebens.

War mein Leben angemessen im Sinne der Gerechtigkeit? Hier hakt es manchmal.

Daniel Meurois: Ja, sicher.

Eric Dudoit: Hier könnte man ganz einfach Abhilfe schaffen indem man wieder anknüpft an die Tatsache, dass das Leben sich nicht bezwingen lässt.  Man sollte das Leben durchlaufen und es nicht beherrschen wollen.  Das ist eine sehr westliche Einstellung, alles beherrschen zu wollen und ich denke, dass wenn man die Haltung aufgibt, Dinge beherrschen zu wollen, oder zu wollen, dass alles nach unserem Willen läuft…

Als Kind hatte ich die Angewohnheit, auf der Toilette zu beten und eines Tages wurde das mir bewusst und ich fragte meine Mutter, ob man auf der Toilette zu Gott beten dürfe… sie fand das albern.  Und somit stellte ich mir die Frage, ob man zu Gott beten darf, wenn man dabei ist, etwas „Schmutziges“ zu machen. Das ist doch eine typische Kinderfrage.

Daniel Meurois: Das ist es und es führt uns zurück auf das, was wir eben besprochen haben.

Eric Dudoit: Und die Antwort, die meine Mutter gab, war « Er wird es verstehen». Das war vielleicht nicht die beste Antwort, aber wenig später war mir klar, dass das eine Frage war, die man sich durchaus stellen kann.  Oder ein Jugendlicher, der masturbiert…

Es mag töricht erscheinen, aber in meiner Praxis habe ich Jugendliche, die sehr beschämt sind, weil sie angeregt sind durch Filme wie «  die Kraft sei mit dir  » «  Star Wars  », «  Avatar  » usw., sehr schöne Gedanken haben und sie da etwas Heiliges berühren, unsere Jugendlichen.

Daniel Meurois: Ja, da kann man etwas berühren.

Eric Dudoit: Und gleichzeitig nach diesen schönen Ideen haben sie den Impuls in sich, zu masturbieren.  Danach gehen sie zum Psychiater um ihm zu sagen, dass das nicht geht und dass es nicht gut ist, zu masturbieren.

Das heißt, dass das in unserem Innern verankert ist.  Sie brauchen jemanden von Außen der ihnen sagt, «Aber warum ist das schlecht? Das ist weder gut noch schlecht, es ist eine Tatsache.  Es war eine übersprudelnde Energie in dir und du hast sie genutzt, so wie es dir richtig erschien.  Man kann diese Energie auch anders nutzen, aber in der Jugend nutzt man sie im Allgemeinen so.»

Eigenartig, dass unsere Welt diese Dinge nicht zum gemeinsamen Wachstum nutzt.

Daniel Meurois: Das ist so als ob wir in einer gemeinsamen Dynamik lebten, wo man immer einer höheren Autorität Rechenschaft ablegen müsste und letztlich ist diese höhere Autorität das, was man Gott nennt.  Wir wurden so programmiert, und das zählt für die Muslime übrigens auch, als ob Gott etwas außerhalb von uns sei, das ständig auf uns schauen würde und uns verurteilt.  Wir sagen ihm sozusagen unsere menschlichen Verhaltensweisen nach. «Das ist gut, das ist schlecht. Wenn es gut ist, werde ich dich belohnen, wenn es schlecht ist, wirst du bestraft werden und du wirst sehen wo das endet, sogar in der Hölle ».

Wir halten systematisch das Konzept Gott als etwas Beobachtendes und Strafendes außerhalb der Schöpfung aufrecht und so sitzen wir in der Falle.  Solange wir darin verweilen, werden wir nie den entscheidenden Schritt wagen, um herauszufinden, wer wir wirklich sind, unsere Essenz, unseren Ursprung, unser Ursprungs-Atom, also die Sonne der Sonnen, die in uns ist.  Ich spreche immerzu vom Ursprungs-Atom die ich als Stammzelle in uns betrachte, die sich an das Göttliche erinnert und die das göttliche Potential birgt, welches es ans Licht zu bringen gilt.  Es ist nicht anderswo, man kann es im Himmel suchen… 

Eric Dudoit: Man kann es auch Gottesfunken nennen…

Daniel Meurois: Ja, es ist der Gottesfunke.

Ich schätze die Mode der Neuzeit auch nicht, wenn jemand sagt «Ich bin ein Gott, wir sind Götter». Man kann sich denken, wohin solche Behauptungen führen können.  Das ist auch oft ein Scherz und meistens ist es das Ego, das sich brüstet.

Ich bin der erste, der sagt, dass das Göttliche in uns ist mitsamt seinem Potential, aber es ist noch im Schlafzustand und muss erst ans Licht gebracht werden.  Es reicht nicht, sich zu sagen, dass man Gott ist oder dass wir Götter sind, damit es auch tatsächlich so ist, auch wenn wir es noch so lauthals beteuern…

Meistens ist es unsere kleine Persönlichkeit, die glaubt groß zu sein und die so etwas lautstark behauptet.  Lasst uns den Mut finden, daran zu «  arbeiten  » – arbeiten zwischen Anführungszeichen –, weil es auch darum geht.  Ich glaube, dass viele, die sich von der inneren Suche und der Spiritualität abwenden, nicht verstehen  und den Eindruck haben, dass diese Suche mit Entbehrungen einhergeht und dass das traurig ist und nicht lustig ist…

Warum gibt es denn so viele Menschen auf der Welt, die sich seit Anbeginn der Zeit auf einen spirituellen Weg begeben haben?  Sind das Masochisten?  Das glaube ich nicht.  Es ist, weil, wenn man an einem gewissen Punkt angekommen ist, Glückseligkeit im Inneren entsteht.  Glaubt nicht, dass diejenigen, die stundenlang meditieren, so wie manche großen Lamas oder Yogis, sich Schmerzen zufügen.  Sie gelangen in einen Extasezustand, den ich mit einem permanenten Orgasmus vergleiche.  Sie strafen sich nicht und fügen sich auch keine Schmerzen zu, sie entdecken eine Glückseligkeit, in der es nichts mehr zu erwarten gibt, außer, dass der Weg grenzenlos ist.  Sie sind in unaussprechlicher Freude.  Um diese Freude zu erreichen, sollte man sich schon etwas Mühe geben und man sollte Wille, Hartnäckigkeit und Sitzfleisch haben, wohlwissend, dass es das ist, was wir auf Erden wollen: glücklich sein…

Eric Dudoit: Man braucht nur die Augen zu öffnen.

Daniel Meurois: Das ist alles…Wir möchten nichts anders als glücklich sein.  Was möchte der Mensch im Prinzip?  Ja, genau das.  Ich persönlich habe genug davon, Schleichwege zu nehmen.  Und alles, wofür ich mein Leben widme, ist denen, die mir zuhören wollen, zu verstehen geben, dass es jetzt reicht und dass sie sich genug im Kreis gedreht haben.  Warum entscheiden wir nicht ein für alle Mal unseren eigenen Weg zu finden, in uns.  Das bedeutet nicht, die großen Traditionen über Bord zu werfen, weil sie auch ihren Nutzen haben und ehrenwert sind. Nein, es bedeutet, unseren inneren Christus zu finden und zu enthüllen.  Der Christus in uns, das ist nicht der historische Christus, der durch Jeshua inkarnierte oder vielleicht seinerzeit durch Krishna oder Osiris, die alle große Führer ihrer Zeit waren.  Der Christus in uns, das ist unser Sublimationszustand (Übergang des Feststofflichen ins Feinstoffliche) und unser Erbe.  Genau darauf gehen wir zu, ob wir wollen oder nicht, denn wir haben keine Wahl.

Eric Dudoit: Es ist gut, dass wir keine Wahl haben…

Daniel Meurois: Wir haben keine Wahl. Wir haben gut sagen «Nein, ich möchte nicht», aber wir gehen alle durch diese Phasen.  Es gibt bestimmt Leben, in denen wir alles abgelehnt haben, in denen wir ganz Schlimmes getan haben und in denen wir nichts davon wissen wollten, aber das sind Etappen des Wachstums.

Ich wünsche mir, dass alle, die uns hören, das verstehen.  Man kann viele Worte und Konzepte vermitteln und enthüllen, aber ist es genau dort, wo man bohren sollte, weil es nichts anderes zu bohren gibt und da befindet sich ein echtes Kronjuwel.

Eric Dudoit: Zeit existiert nicht…

Daniel Meurois: Und die Zeit existiert nicht…

Eric Dudoit: Ich kenne einen Lama, der mich zum Lachen brachte.  Wir fuhren mit dem Auto und Mücken zerquetschten sich an der Windschutzscheibe und ich sagte «Diese dreckigen Viecher»

– Und er sagte, das ist nicht gut für dein Karma.

Daniel Meurois: Das haben wir alle mal gesagt…

Eric Dudoit: Und ich sagte mir « Was bildet der sich denn ein, ich habe nichts am Hut mit meinem Karma».

Denn ab dem Moment, wo ich nichts mehr am Hut habe mit meinem Karma, können die Dinge genannt und wahrhaftig sein. In einer gewissen Bevölkerung, die ich mag, und in der ich mich mehr oder weniger wohl fühle, dem New-Age…

Daniel Meurois: Ja…mehr oder weniger, hängt davon ab…

Eric Dudoit: …hier geht es zusätzlich um den Begriff Karma und dass man auf sein Karma achten sollte.

Wenn man sich zwingt, auf sein Karma zu achten, dann lebt man entweder mit zusammengekniffenem Hintern, in einer Grotte, oder man lebt gar nicht.

Daniel Meurois: Ganz genau  !

Eric Dudoit: Eine Sache in deinen Büchern mag ich besonders, das ist im Buch «Louis du désert». Ludwig der Wüste, er ist ein König, er hat es satt und wird jemand anders.  Doch dann, er war immerhin Einsiedler, wird er sich bewusst, dass er doch noch hochmütig ist.  Das finde ich stark.  Egal welche Position man einnimmt, ob man reich oder arm ist, und egal ob man an Mohamed oder an Jesus glaubt, wo kommt unser Hochmut her?   Wo kommt das her, was mich jeden Morgen glauben lässt, das ich dieser oder jener bin?  Heute Morgen, als ich aufstand, habe ich mich gefragt «Wer bin ich?» und die Antwort hat nicht lange auf sich warten lassen «Ich bin Eric Dudoit mit all meinen Diplomen», und…eigentlich nicht.

Ist das wirklich wichtig?  Eigentlich… nein. Wenn ich mich damit identifiziere, was ich den ganzen Tag mache, nein, das geht nicht.  Ich muss davon Abstand nehmen.  Der Psychoanalytiker Wilfred Ruprecht Bion hat mal etwas Hervorragendes gesagt: «Wenn du mit einem Menschen in Kontakt sein möchtest, dann musst du ohne Verlangen und ohne Erinnerung sein». Ich bewundere das…

Wenn ich mit einem Menschen in Kontakt bin und ich erinnere mich, wer ich bin mitsamt meiner Geschichte und wenn ich mich daran erinnere, wer er ist mitsamt seiner Geschichte, dann begegne ich nur einem Wust an Bildern, aber niemals diesem Menschen.  Das ist das, was du über Christus sagtest, das heißt dass er eher das Überflüssige entfernt, als etwas hinzufügt.  Eigentlich haben wir nicht nötig, uns die Mühe zu machen, etwas hinzuzufügen, oder zur Schule gehen oder zur Uni, wir sollten nur entfernen, all diese Lumpen wegnehmen.

Daniel Meurois: Ich bin ganz und gar einverstanden… Wir sollten verlernen und uns von den zahlreichen Schichten befreien, welche die Inkarnationen über Millionen von Jahren und noch länger – denn Zeit lässt sich nicht messen – in uns als Sediment zurückgelassen haben.  Denn unter diesen Sedimenten verbirgt sich unsere Wahrheit, die nichts anders als das wahre Göttliche und Heilige sein kann.  Das sind die klassischen Bilder und ich sage nichts Neues damit, aber man muss es ständig wiederholen, wiederholen, wiederholen, denn genau diese einfache Sache ist grundlegend, aber man vergisst sie immer wieder.

Eric Dudoit: Ja und wenn man es vergisst, dann leidet man und wenn man leidet, dann vergisst man noch mehr… und das ist ärgerlich.

Auch auf die Gefahr hin, dass man mir hierfür auf die Finger klopft, egal, ich sage, dass Leid heilbringend sein kann und zwar in dem Sinne, dass es ein Signal ist, es möchte uns etwas zeigen.

Daniel Meurois: Es ist ein Blinker…

Eric Dudoit: Aber, man sollte es auch nicht vergöttern, denn sonst macht man aus dem Signal einen Zustand.  Dieses Zeichen sollte uns nur sagen, dass da etwas schiefläuft in meinem Inneren.  Es genügt nur, das geradezurücken und wenn ich sage nur, dann kann das Jahre dauern…

Daniel Meurois: Oder mehrere Leben…

Eric Dudoit: Aber man sollte sich an die Arbeit machen.  Ich mag ein etwas seltsames Buch von dir, und zwar «Vu d’en-Haut». Ich sage seltsam, denn für diejenigen, die mit diesen Dingen nicht so vertraut sind, mag es so aussehen, als ob der Herr wohl Stimmen höre und schizophren sei.  Ich habe das Buch trotzdem weitergelesen und mir dabei gesagt «Der ist schizophren, aber das ist nicht schlimm» und dann sprichst du mit…

Daniel Meurois: einer Präsenz… lass es uns so sagen.

Eric Dudoit: Diese Präsenz, mit der du kommunizierst, sagt dir etwas, wovon ich seit der Kindheit träume: «Ich komme von den Sternen». Als ich das Buch gelesen habe, dachte ich, ja das war’s jetzt, das ist Top, das ist Star Wars und das Beste war, als diese Präsenz dich neckt, denn sie neckt die Menschen.  Am Anfang des Buches sagt sie:

«Gott, was ist das?»

Sie stichelt uns, indem sie sagt, «Ok Gott, Ok, aber den brauchen wir nicht mehr», und das hat mich sehr berührt und ich sagte mir, dass wir hier wirklich noch Kinder sind, denn wir  haften wirklich noch an diesem Begriff Gott.  Und ich stellte fest, als ich das las, dass ich an etwas haftete, was doch eigentlich in mir ist.   Weißt du, wenn mein Leben schwer ist, dann bete ich gerne und wenn ich bete, dann sage ich «du». Ich sage «du» zu Christus, oder Jeshua in diesem Fall, und ich führe ein Gespräch mit ihm, ein imaginäres Gespräch natürlich, denn ich bin nicht verrückt!  Und in diesem imaginären Gespräch habe ich das Bedürfnis «du» zu sagen. Und ich sage mir, was sind wir doch eigenartig, wir Menschen, dass wir es nötig haben «du» zu ihm zu sagen, wir brauchen seine Nähe.  Und ich habe das Bedürfnis, ihn fast anzufassen, ihn zu spüren,  ihn mir vorzustellen und …gleichzeitig ist er so unvorstellbar, so unendlich …Darum… Warum Gott?

Daniel Meurois: Wir brauchen eine Vaterfigur und sicherlich werden wir zu einem anderen Zeitpunkt in unserer Entwicklung eine komplett andere Herangehensweise und Wahrnehmung von Gott haben, sprich viel mehr aus dem Inneren heraus.  Wir werden ihn dann nicht mehr als absoluten Referenzwert außerhalb von uns wahrnehmen, sondern als eine Realität, von der wir durchdrungen sind.  Ja, und ist es offensichtlich, dass wir ihn nicht mehr nötig haben, denn dann sind wir in ihm.  Er ist die Allgegenwart, die Liebe, das Mitgefühl und alles was wir letzten Endes suchen.  Dann haben wir keine Religion und kein Referenzmodell mehr nötig, weil der gesunde Verstand unseres Herzens uns den Geist, der in uns lebt, zu verstehen gibt.  Diese Wesen sind deshalb nicht perfekt, es gibt immer perfekter als perfekt, ich glaube, dass der Lebensweg, der sich ausbreitet, unendlich ist…ich glaube, dass wir dann das Licht aufnehmen, uns sozusagen vom Licht ernähren, und wir nicht mehr ein Licht erhoffen, welches über uns ist und unseren äußersten Richtwert darstellt.

Eric Dudoit: Meiner Meinung nach ist es das, wonach wir hungern. Ob ich im Krankenhaus bei Schwerkranken oder Sterbenden bin, oder in meiner Praxis oder in der Uni mit Studenten, das Einzige was uns alle antreibt, ist ganz einfach die Frage « Liebst du mich?»

Wenn jemand einem wahrhaftigen « Liebst du mich? Ja ich liebe dich… » begegnet, dann verändert sich etwas Grundlegendes in ihm, was sein Wesen verwandelt.

Und sicherlich meine ich nicht das moderne, hysterische, ablenkende « Ich liebe dich ».   Es scheint mir, dass die gesamte Menschheit die innere Erfahrung braucht, lebendig zu sein, so wie zum Beispiel in Filmen wie Avatar.

Avatar, mal abgesehen davon, das ist die Geschichte von «Pocahontas der Sterne». Ein wenig  fad, außer dass es in ihrer Gesellschaft eine Fusion, eine Einheit gibt und der junge Marineoffizier diese Einheit und diese Fusion erlernt.

Wenn ich höre, was das bei meinen Studenten oder anderen oder bei mir selbst auslöst, dann ist das folgendes «Wow, ich würde gerne in diesem Land leben, wo ich diesen Baum oder dieses Tier spüren kann…»

Daniel Meurois: Das genau ist der Zustand Advaïta, dieses grundlegende Außerstande sein, eine Grenze zu ziehen, und nicht nur zwischen dem anderen und sich selbst, sondern zwischen allem, was ist und sich selbst.  Und das ist keine Vernichtung des persönlichen Bewusstseins oder unserer Selbstwahrnehmung, das ist eine Erweiterung, eine Vermählung, eine Verschmelzung und das ist sehr schön.  So ein Film schafft es manchmal, etwas intuitiv erkennen zu lassen und zwar so sehr, dass man sich sagt «Ist das schön…» und diese Schönheit, die kann man leben. Diese Schönheit ist die Schönheit der Reise des Geistes.  Wir sind also keine Masochisten…

Eric Dudoit: Ich glaube nicht und das ist es, was die Mystiker leben. Was ich an Meister Eckart, Giordano Bruno und den anderen mag, ist, dass sie äußerst individuell und kollektiv zugleich sind. Und mit kollektiv meine ich, dass sie im Ganzen sind. Ein Wesen wie Giordano Bruno war schon sehr sonderbar.

Daniel Meurois: Sicherlich. Überzogen, dickköpfig…

Eric Dudoit: Aber er hat Dinge gesagt, die kein anderer der Kirche gesagt hat und er hat sie auf eine sehr richtige Art und Weise gesagt.  Ich bin übrigens sehr froh, dass man ihm eine Statue als Dominikaner errichtet hat, wenn ich mich recht erinnere.

Daniel Meurois: Als Dominikaner. Er musste ziemlich schnell seine Kutte ablegen, aber man verbindet ihn immer mit den Kleidern der Dominikaner.

Eric Dudoit: Giordanao Bruno ist vielleicht nicht jedem bekannt, aber um es sehr einfach darzustellen, ihm haben wir die Gedächtnistechniken zu verdanken und er war ein Genie in Mathematik. Er war seiner Zeit sehr voraus, wie du es bereits hinreichend erklärt hast.  Er wurde von der Kirche wegen Atheismus und Pantheismus zum Tode verurteilt.

Daniel Meurois: Weil er die Vielzahl der Welten erfasste und Gott nicht als etwas außerhalb der Schöpfung betrachtete, wie ich eben bereits sagte.  Übrigens, in seinem Hauptwerk, welches den Titel «Über das Unendliche, das Universum und die Welten» trägt, erfährt man,  welchen Zoom er benutzte in seinem Verständnis von allem, was ist.  Selbstverständlich hat er damit zu seiner Zeit Protest ausgelöst und er hat sich bis zum Ende mit einer unglaublichen Vehemenz verteidigt bis auf den Scheiterhaufen.

Eric Dudoit: Solche Menschen gehören dem Christentum und wir sollten ihnen heute folgen, ich glaube, das wäre sehr wichtig.  Wir sollten nicht das Christentum ablehnen, indem wir sagen, dass das Christentum der Institution Kirche verkommen sei, wir sollten uns neu positionieren.

Daniel Meurois: Das heißt, versuchen, das Mark dieser Tradition wieder zu finden, die in vielerlei Hinsicht derart verraten, vergessen und auch entwürdigt wurde, dass man heute nicht mehr weiß, was Christus oder Jesus ist.   Genauso wie in anderen Traditionen, weiß man nicht mehr, wer die großen Wesen waren, die versucht haben, uns mitzuteilen, was sie gelernt haben und wie sie zur Erleuchtung gekommen sind.  Es ist die Suche nach dem Glück, das ist es auch, was man jedem wünscht.  Es gibt keinen anderen Grund zu leben, als diesen, und keinen anderen Grund zu einer Diskussion wie dieser, die sich letzten Endes sehr spontan ergeben hat.

In Liebe gemacht im Juli 2014 in Quebec… von Marie Johanne Croteau-Meurois

Productions Intus-Solaris 2014