Mein großer Bruder ist gegangen…Vor einigen Tagen ist er von uns gegangen, obwohl niemand damit gerechnet hatte. Er lebte in Indien. Sein Name war Swami Premananda…
Natürlich kann das anmaßend erscheinen, wenn ich ihn „meinen großen Bruder“ nenne. Wie kann ich es wagen zu schreiben, dass ein derart verwirklichter Meister der Weisheit wie Swami Premananda mein Bruder sei?
Er war jedoch mein Bruder, mein großer Bruder, denn er war der große Bruder von allen, die ihn kannten und selbst von denjenigen, die ihn nicht kannten.

Ich möchte hier von seiner Einfachheit, seiner Warmherzigkeit, seiner Großzügigkeit reden, von seiner Art, alle Besucher zu empfangen… und selbstverständlich von seinem großen Lächeln, das alles umhüllte. Ich möchte auch von seiner Nähe reden, weil diese Eigenschaft bei verwirklichten Wesen, und in seinem Fall einem Avatar – einer erwiesenen Erscheinung der göttlichen Präsenz auf Erde – eher selten ist.

Nach 20 Jahren unrechtmäßiger Haft infolge einer gut inszenierten Verschwörung gegen seine Person, ist der müde Körper von Swami Premananda in den Samadhi gegangen – wie man diesen Zustand in der hinduistischen Tradition nennt. Ich erwähne dies nur für diejenigen, die seine Geschichte nicht kennen.

„Siehst du“, hatte er mir nur einige Tage nach seiner Verhaftung gesagt, „es fängt wieder an wie vor 2000 Jahren…“
Wie vor 2000 Jahren, ja… Wie viele Male hatte Swami Premananda nicht schon das Leben und die Lehre Christi erwähnt? Unsere Menschheit macht trotzdem immer noch dieselben Fehler, als ob sie nichts anderes kann als sich im Kreis zu drehen. Sie braucht so lange, um zu verstehen…
So ist es auch mit dem Leben von einigen außergewöhnlichen Lebewesen: Das Licht, das sie dauernd ausstrahlen, ist so offensichtlich und störend für unsere Gesellschaft, dass diese früher oder später eine Möglichkeit findet, es auf hinterhältige Weise zu ersticken. Ich werde jetzt nicht in die Details einer sterilen Polemik gehen, das wäre nutzlos und völlig im Gegensatz zu dem, was Swami Premananda sein ganzes Leben lang gelehrt hat.
„Don’t worry“, sagte er oft über das, was ihm widerfahren war, „it’s only a drama…“ Macht euch keine Sorgen, das ist nur ein Theaterstück.“ In der Tat, aber was für ein Theaterstück und was für ein Schauspieler!
All diejenigen, die Swami Premananda begegnet sind, kamen nicht umhin, von der gewaltigen Freude und Liebe, die er ausstrahlte, beeindruckt zu sein. Selbst unter den aller schwierigsten Umständen war er wie ein lebendiges Wunder, eine Kraft der Liebe, wie jeder von uns auf dieser Welt einmal das Glück haben sollte zu begegnen…
Damit mache ich gar keine Andeutung auf die Wunder, die er nie aufgehört hat zu vollbringen, sei es durch Materialisationen oder durch Heilungen. Ich möchte einfach nur über die Macht der Wandlung reden, die er verkörperte. Er war sozusagen eine ständig an die göttliche Welt angeschlossene Batterie – eine Batterie, die all diejenigen, die seinem Blick begegneten, versorgte.
Ich erinnere mich an einem Besuch, den ich ihm abstattete, als er noch im Gefängnis in Trichy war. Die Aufseher, die den Auftrag hatten, ihn zu überwachen, ließen ihre Kinder vor ihm hergehen, damit er sie segnen konnte. Eine vollkommen surrealistische „ Szene“… In einigen wenigen Monaten hatte Swami Premananda die Strafanstalt in eine Art Ashram verwandelt, wo er die Gefangenen unterrichtete.
„Ich habe hier zu arbeiten“, war sein Kommentar dazu.
Natürlich hat das nicht gefallen … selbst in Indien nicht! Also hat man ihn in ein anderes Gefängnis gebracht, man hat alles versucht, um ihn zu „brechen“, man hat ihn sogar gezwungen, sein Swami-Gewand abzulegen und das kleine Hemd und die kurze Hose der Gefangenen zu tragen. Ein Avatar in kurzer Hose… Wer hätte sich das vorstellen können? Ja…, und der Avatar konnte nur lächeln über das, was als Erniedrigung für ihn gedacht war. Nichts hat Swami Premananda davon abhalten können, sein Licht mit noch mehr Kraft und Entschlossenheit weiterzugeben. Niemand kann die Liebesseligkeit zerstören, die nicht vom kleinlich menschlichen Format ist.
Was soll man mehr sagen? Man müsste ein dickes Buch schreiben, ein Buch unglaublich reich an Anekdoten, und das Buch wäre ein Portrait der Liebe im Anmarsch, unermüdlich im Swami PremanandaAnmarsch. Wird es je geschrieben werden? Ich weiß es nicht… Das war auch nicht seine Sorge.
Swami Premananda interessierte sich nur für die Wandlung der Menschen. Er löschte Ängste aus, brachte Vertrauen hervor, verbreitete Frieden. In diesem Zusammenhang wäre das Wort „Danke“, welches man gerne hervorbringen würde, nur ein armseligen Ausdruck. Dieses Wort hat zu oft etwas Mechanisches und Erstarrtes an sich. Es würde nicht den Anforderungen entsprechen.
Aber hier geht es nicht um eine Trauerrede! Da rede ich von unserem großen Bruder in der Vergangenheit, dabei ist er viel lebendiger als wir! Lebendiger als wir und bestimmt schon dabei, uns eine Überraschung auf seine Art vorzubereiten. Mich persönlich würde es nicht überraschen…
So ist es mit allen wahren Lichtträgern: Sie sind unermüdlich, denn sie haben einen sehr, sehr langen Atem.
Es wäre schön, wenn wir uns davon inspirieren lassen könnten…

Daniel Meurois, März 2011.