Auszug aus dem Buch „Die Apokalypsen des Johannes“, Kapitel 4, S. 81 – 95.

“Die Wüste? Du suchst eine Wüste? Die gibt es hier nicht …” Der Mann, der gerade auf meine Frage geantwortet hatte, führte eine kleine Karawane aus fünf oder sechs Maultieren an, die mit allerlei Gegenständen und Stoffen beladen waren. 

“Wenn es eine gäbe, dann wüsste ich das!”, fügte er leicht spöttisch hinzu. “Falls du eine brauchst, mach dich auf einen langen Weg gefasst! Weiter als Antiochia …” 

Ich ließ ihn seinen Weg fortsetzen, während mir das Befremdliche an meiner Frage aufging. Wer hätte schon gerne in eine Wüste gehen wollen? Und doch – Meryem hatte davon zu mir gesprochen … Es sei denn, dass sie es gar nicht gewesen war, sondern einer dieser bösen Geister, von deren Fallstricken und Irreführungen die Griechen sich gerne erzählten. 

Ich war in das Tal unterhalb von Pergamon gelangt und hielt mich weiter auf der Straße, die gen Osten führte. Da ich das Land kaum kannte, fühlte ich mich eine Weile ziemlich ratlos. Aber eine Art innerer Widerhall sagte mir, dass ich in diese Richtung gehen musste, weil “gen Osten” die Wiege der Sonne lag. Was die “bösen Geister” betraf, nein … diese Idee kam mir nicht in den Sinn. 

Seit meiner von Jeshua geführten Verwandlung hatte meine Seele verstanden, dass es Lichter gibt, die nicht täuschen, weil sie nichts vorspiegeln. Sie lassen uns nicht träumen, auch wenn sie uns im Traum überraschen können. Im Gegenteil rütteln sie uns auf und flüstern uns etwas ein, das ich immer die “Gewissheit des Glücks” genannt habe, die vernünftigste Vernunft nicht anfechten kann. 

Es war diese tiefe Überzeugung, die mich dazu drängte, von Pergamon nach Osten zu gehen, auf der Suche nach einer Wüste, die vielleicht nur in mir selbst existierte. 

Am Ende meines ersten Tagesmarsches, als die Straße sich in einen Weg verwandelt hatte und der Weg in einen Pfad durch üppige kultivierte Täler und bescheidene, halb kahle Berge, hatte die innere Überzeugung Fuß in mir gefasst, dass ich mich nicht irrte. 

Die Wüste war nicht unbedingt völlig versengte Natur oder Steine und Sand, so weit das Auge reichte. Meine Wüste konnte auch eine einsame Reise hinter den Augen meiner Seele sein. Und wenn es wirklich die Erscheinung Meryems gewesen war, die mir das zugeflüstert hatte – welchen weiteren Vertrauensbeweis brauchte ich dann noch? Der Gesegnete hatte immer gelehrt: Nach einer Tür, die sich öffnet, kommt immer eine weitere und noch eine weitere … bis zum Aufgang des Bewusstseins. 

Also setzte ich meinen Weg tagelang mit einer unbeschreiblichen Freude im Herzen fort. Wo ich anhielt, gab es immer jemanden, der mir etwas zu essen anbot, Schafskäse, ein Stück Fladenbrot mit Kräutern, Oliven und getrocknete Feigen. Mehr brauchte es nicht. An Wasser mangelte es nicht, so dass diese Gegend Griechenlands mir schließlich wie das gelobte Land vorkam. (1) 

Irgendwann hörte ich unterwegs auf zu denken und nahm wie nie zuvor das Wesen meiner Umgebung wahr, die mich in Staunen versetzte, auch wenn sie ziemlich gleichförmig war. 

Eines Tages hielt ich an. Es war ein Ort, an dem es etwas kahler aussah als anderswo. Ich befand mich am Fuße eines gewaltigen, sanft geschwungenen Hügels, der mit Sträuchern bewachsen war. Bei seinem Anblick kam mir die Gewissheit, dass dies “meine” Wüste war. 

Ohne es zu bemerken, hatte ich alle Pfade hinter mir gelassen, geleitet von einem fast tierischen Instinkt. Er versicherte mir, dass irgendwo dort drüben ein munteres Rinnsal floss, das mir ausreichen würde, und ein überhängender Fels, der mir als Unterschlupf dienen konnte. Mich überkam ein Vertrauen, das mich an die Hand nahm und alle Fragen überflüssig machte. 

Tatsächlich war es schon lange her, dass ich einen solchen Zustand der Erfüllung erlebt hatte. Erstaunlicherweise empfand ich, wie im Widerspruch zu meiner inneren Haltung, noch nicht einmal mehr die Notwendigkeit, um jeden Preis den Atem des Gesegneten weitertragen zu müssen. 

Die Abenddämmerung brach herein, als ich schließlich das Bedürfnis verspürte, mich unter dem Felsüberhang niederzulassen, den ich tatsächlich kurze Zeit später entdeckt hatte. Und da mein Körper so müde war, dass er von ganz allein betete, verfiel er auch schon bald in Schlaf. 

Niemals, niemals werde ich diese lebendige Nacht vergessen, in der mir der unglaublichste aller Höhenflüge zuteilwurde. Es war nicht mehr das Entrissenwerden aus einem Grab, sondern ein anderes, vollkommeneres Aufblühen … die Offenbarung einer Verschmelzung. 

Ich wusste mich im Universum der Universen schwebend, war nur noch ein Ohr und der Ton, der Es durchwanderte … der Ton, der Sich Selbst erzählte. 

“Am Anfang von Allem war der Logos,

und der Logos war bei Dem,

das vor dem Anfang von Allem Ist.

Und der Logos war Selbst am völligen Anfang.

Er war dort, in der Ewigkeit, die keinen Namen hat. 

So ist durch Seine Macht alles entstanden,

und nichts von dem, das Ist, kann ohne Seinen Atem sein. 

In Ihm wohnt das Leben, das sagt `Ich Bin ́,

und Sein Licht erhellt die Finsternis,

denn die Finsternis ist für Ihn kein Hindernis.

Sie hat ihm gedient und dient ihm …” 

Doch dann wurden plötzlich mein Ohr und der Ton, der in es drang, zu diesem Licht in der Leere meiner Nacht. Ich nahm mich selbst nicht wahr. Ich wusste mich nur inmitten der Sterne schwebend. Ich streifte sie mit meinem Blick, fühlte sie und tanzte mit ihnen, davongetragen von ihrer Süße, ihrem Feuer und ihrem Wind. Ich sah Sonnen, Monde und Erden bis in alle Unendlichkeit und schwamm auf ihrem Ozean, gewiegt von den Wogen und Wellen … 

Aber vor allem erfuhr ich dort solch eine Liebe! Eine Liebe, die so sehr … Liebe war, dass Sie mich in Sich aufnahm, weil Sie Quelle und Vollendung von allem war. 

Sie wirbelte und schwebte wie ein riesiger Adler, der mich auf seinen Schwingen trug. Sein Name war Logos, und Er flüsterte zum Wesen meines Wesens, wie um es mit den Tiefen von Allem zu vereinen, bis eine unermessliche Sonne erschien, die im Rhythmus eines absoluten Herzens pulsierte und atmete. 

Nichts konnte wahrhafter sein … Durch Ihn und Seinen Atem entstand alles. Er sagte von sich, der erste Gesang zu sein, das flutende Feuer des Gesegneten, die unsagbare Freiheit, die die Zeiten und Welten hervorbringt, die Illusion der Leben und Tode. Dann verlor ich mich in Ihm und in dem lebendigen Gebet, das Er wie eine Litanei in meiner Mitte wiederholte. 

Schließlich, ergriffen von unbeschreiblichem Schwindel, glaubte ich aus dem Unendlichen hinabzustürzen, und unsere Erde erschien vor mir mit ihrer Sonne und ihrem Mond, die unserer Welt das Gesicht eines Kindes gaben, das zu ersticken drohte, eines sehr kleinen Kindes auf der Suche nach seiner Mutter und seinem Vater. 

Hier und da flogen große, silberne und genauso viele dunkle Scheiben durch diese Himmel, zwischen Obhut und Aggression, Befreiung und Unterjochung. Was waren sie? 

Dann plötzlich ein Aufleuchten in meinem Bewusstsein, ein harter Aufschlag … Ich war zurück in meinem Körper mit der Gewissheit, geschrien zu haben. Mein Kopf schmerzte … Was war geschehen? 

Eine Zeit lang wusste ich nicht mehr, wo ich war, noch nicht einmal, wie mein Name lautete. Wäre da nicht die Gnade gewesen, die ich mir sicher war empfangen zu haben, dann hätte mich Panik ergriffen. Dann endlich vergingen alle Schmerzen. 

Wie sollte ich das verstehen, und musste ich es überhaupt verstehen? Was ich gerade erlebt hatte, war so … überbordend gewesen! Mein Körper wollte sich nicht im Geringsten bewegen, und ich verspürte auch nicht den geringsten Wunsch dazu. Alles atmete Vollkommenheit. Ich war über meine glühendsten Erwartungen hinaus gelabt worden. 

Bald glitt der erste Schimmer der Morgendämmerung in meinen kleinen, felsigen Unterschlupf. In der Luft hing leichte Feuchtigkeit, was mir den Anstoß gab, den ich brauchte, um endlich aufzustehen. 

Da meine nächtliche Bleibe etwas höher lag, betrachtete ich lange die Landschaft, die “meine Wüste” war. Sie schien mir unendlich zart zu sein mit ihren vielen gelben Blumen, die sich hier und da wie Teppiche ausbreiteten. 

In der Ferne glaubte ich mit zusammengekniffenen Augen die Gestalt eines Hirten mit seinen Tieren zu erkennen. Es war ein alltägliches Bild in diesem Land. Nichts Außergewöhnliches … bis auf die Tatsache, dass mein Blick sich verändert hatte: Innerlich weinte er, denn ich war überwältigt vom Zauber wahrer Einfachheit und setzte jede Blüte mit einem der Sterne gleich, die noch in meiner nächtlichen Erinnerung funkelten. 

Musste man blind sein, um nichts zu verstehen? Der göttliche Atem, der mich durch die Universen getragen hatte, während mein Körper schlief, war auch jetzt da und tat vor meinen Augen Sein Werk. Still und leise schlich Er sich ins kleinste Motiv, das die Natur Ihm überall bot, von Horizont zu Horizont. 

Es war eindeutig Er – oder Seine erhabenste Essenz –, Der in Jeshua gefahren war, um im Wasser eines Flusses den Gesegneten aus Ihm zu machen. Es war auch Er, den wir alle lebten, ohne (oder fast ohne) jemals fähig zu sein, Ihn zu empfangen. Und schließlich war auch Er es, durch Den das Ewige, das Sich niemals benennen kann, alles herbeiführte, was Ist, und Sich so Sich selbst offenbarte, fernab von jedem Gedanken … 

Der Logos (…)! Der Logos, lebendiger und freier als die Luft und das Licht … und wir wussten Ihn nicht zu erkennen und zu atmen. Jeshua war Sein Offenbarer gewesen, aber die Menschen hatten Ihn so schlecht verstanden! 

Dann löste sich mein Blick mit einem Seufzen und wollte am liebsten auch äußerlich weinen. Ich war glücklich … 

So verging der Tag. Mein Körper verlangte nicht nach Nahrung, während die aus jenem Ton entsprungenen Worte nicht aufhörten, in meinem Bewusstsein zu kreisen, um einen unveränderlichen Abdruck darin zu hinterlassen … 

“Am Anfang von Allem war der Logos,

und der Logos war bei Dem,

das vor dem Anfang von Allem Ist.

Und der Logos war Selbst am völligen Anfang.

Er war dort, in der Ewigkeit, die keinen Namen hat …” 

Wie oft kam mir während dieses heiligen Gesangs der Name von Ephiphanes in den Sinn? “Ach! Wenn mein Freund, mein Bruder, doch da wäre mit seinen Schriftrollen und seiner Tinte …”, dachte ich immer wieder. 

Aber der Gesang ertönte von ganz allein in meiner Seele, die Befürchtung, ihn zu vergessen, verging allmählich, und ich blieb mit einem Gefühl der Erfüllung und des unendlichen Einsseins zurück. 

Im Laufe des zweiten Tages in “meiner Wüste” brachte mein Körper sich mir dann aber allmählich doch wieder in Erinnerung. Ein leerer Magen, Zittern, Übelkeit und ein paar Krämpfe in den Gliedmaßen … Hatte ich nicht noch zwei oder drei getrocknete Feigen in meinem Beutel? Ja … und ich genoss sie mit unendlicher Langsamkeit. Und danach? Nun ja, danach würde ich eben weitersehen, wenn die Zeit gekommen war … Nichts in meinem Kopf hatte eine Vorstellung davon. 

Es musste erst der dritte Tag anbrechen, in Erwartung von ich weiß nicht was, bis etwas völlig Unvorhersehbares geschah … 

Der Boden vor meinem Unterschlupf bestand aus flachen, geschichteten Steinen, die sich schnell durch die Sonnenstrahlen erwärmten. Hier und da klammerten sich orangefarbene Flechten daran fest. Plötzlich erregten diese Steine meine Aufmerksamkeit. Sie sahen bemerkenswert weiß aus, fast elfenbeinfarben, was mir bisher noch gar nicht aufgefallen war. Gewiss, der Himmel war heute etwas blasser als an den Tagen davor, aber dennoch … 

Ich sah sie mir genauer an. Das aufsteigende Morgenlicht hatte mich nicht getäuscht. Die Steine waren mit einer seltsamen, weißlichen Substanz überzogen, die leicht flockig war und hier und da leicht schuppig aussah. Ich wollte sie berühren … 

Sie ließ sich leicht in die Hand nehmen, und mich überkam der Wunsch, ihren Duft einzuatmen. Sie verströmte einen sehr feinen Duft nach Honig und Rosen. Als ich ihn roch, stieg ein unbeschreibliches Gefühl in mir auf, und spontan führte ich eine Hand an meine Lippen. Es schien essbar zu sein … und schmeckte tatsächlich nach Honig, einem sehr leichten Honig, vermischt mit einer Art “Mehlflocken”. 

Zuerst wusste ich nicht, was ich davon halten sollte. Was genau war das, und wie war es dorthin gekommen? War es das nächtliche Geschenk eines Hirten? Aber hatte auch nur einer von ihnen mich bemerkt? 

Mir gingen die Mutmaßungen und Argumente aus, aber ich hatte absolutes Vertrauen, und ich hatte Hunger. Also begann ich, die erstaunliche Substanz mit den Fingerspitzen zu essen. Sie war süß und leicht und gab dem Körper ein warmes Gefühl. 

Awoun …, murmelte ich, Awoun … (2)

Weiter kam ich nicht. Es gab keine Worte für das, was geschah. Ich aß also … und je mehr ich aß, desto mehr stieg in mir die Gewissheit auf, dass das, was mein Fleisch sich da gerade zu eigen machte, nicht menschlichen Ursprungs war. Natürlich hatte ich nie mit eigenen Augen die alten Erzählungen über die Geschichte meines Volkes lesen können, aber ich erinnerte mich wieder daran, was sie verlautbart hatten. Sie handelten von den Wanderungen meines Volkes durch die Wüste, eine echte Wüste aus Steinen und Sand, und dem plötzlichen Erscheinen einer Substanz, als sei sie vom Himmel gefallen, dank der es überleben konnte und die Manna genannt wurde. 

Konnte es sein, dass ich mir genau das gerade mit der Arglosigkeit eines Kindes zum Munde führte? Womit hätte ich das verdient, wo ich doch schon so viel erhalten hatte und trotzdem die Stirn besaß, mir immer noch ein bisschen mehr zu erhoffen? 

Ich ging zu dem Rinnsal, um etwas zu trinken, und ließ mich dann wieder nieder, um die hügelige Landschaft zu betrachten, die im blassen Licht der untergehenden Sonne lag. 

Manna … Ach was! Hielt ich mich etwa jetzt schon für Moshe (3)? Lieber flüchtete ich mich in eine Art Verleugnung, was das betraf, was ich gerade gegessen hatte. Wahrscheinlich hatte ein mitleidiger Hirte mir einfach nur ein bisschen Dickmilch hingestellt, während ich schlief. Es gab keinen Anlass, nach anderen Erklärungen zu suchen. 

Als ich dann endlich die Augen geschlossen hatte, überließ ich mich deshalb viel lieber wieder den überwältigenden, eindrücklichen Bildern, die so sehr die Nacht meiner Ankunft an diesem Ort geprägt hatten. Sie waren so lebendig geblieben, dass ich mir noch nicht einmal die Mühe machen musste, sie mir in Erinnerung zu rufen. Sie waren noch da, seelennah, bereit, betrachtet zu werden. 

Oft vermischten sie sich mit den Bildern der makellosen Präsenz, die mir in Pergamon im Traum erschienen war. Waren sie nicht ihre offensichtliche Fortsetzung? Ich betete viel, um zu verstehen … Aber zu Wem? Zu Awoun? Zum Logos in Jeshua? Weder der Eine noch der Andere waren “jemand” Besonderes. Also betete ich im Absoluten … 

Dann plötzlich, inmitten der Flut aus Sternenvisionen, die meine “verrückte” Nacht gewesen war, kamen mir die letzten von ihnen erstmals wieder in Erinnerung, als hätte eine Kraft sie mir bis dahin verborgen. Es waren die Scheiben mit den silbrigen Reflexen und den dunklen Tönungen, die plötzlich aufgetaucht und durch die Himmel geflogen waren. Ein Kampf, ein unaufhörliches Ringen ging von ihnen aus, wie zwischen Licht und Schatten, die versuchten, sich gegenseitig zu verschlingen. 

Mit einem Mal legte der Name Elohim sich von allein auf meine Lippen, und mich überkam das Bedürfnis, ihn auszusprechen, als würde ich mich an einen Baumstamm klammern, der auf offener See trieb. Elohim 

Vielfach und doch Eins zugleich … Mir war bewusst, dass Er nicht aufgehört hatte, Jeshua bei Seiner Aufgabe zu unterstützen, die mir mehr als jemals zuvor unermesslich schien. Sie überstieg nicht nur das Volk Galiläas, Judäas oder Samariens, nicht nur die gesamte Menschheit und die weite Welt, sondern auch alles Vorstellbare …. oder Unvorstellbare. 

Was ich gerade erlebt hatte, noch in meinem Bewusstsein zerbarst und die Mitte meines Wesens immer weiter ausdehnte, sagte mir immer wieder in Worten, die ich nicht kannte, dass die Menschheit, getragen von der geduldigen Liebe ihrer sie nährenden Erde, keinesfalls vom Himmel getrennt war. Sie war kein einzelner Punkt darin und würde es auch niemals sein. An der Stelle zwischen meinen Augen empfing ich die Unterweisung, dass dem Universum, das unermüdlich unsere Wunden heilte, das Schicksal unserer Welt wichtig war. 

Ja … Im Himmel tobte ein ständiger Kampf, und Jeshua hatte es vor denen von uns, die Ohren hatten, es zu hören, nicht verborgen. So gab es Elohim und den Schatten, der aus der “Spaltung Elohims” entstanden war, den “himmlischen Ischariot”, durch den oder die die Prüfung erwuchs. (4) 

Und ich … Was tat ich in all dem, mit meinem kleinen Menschenwissen, meiner Unfähigkeit zu schreiben, in Ephesos, Smyrna oder Pergamon, mich mühend, ein paar Samenkörner zu säen, während es sein konnte, dass alles sich unter der unermesslichen Kuppel der Universen entschied? 

Die Griechen pflegten zu sagen, dass die Zeit der Götter nicht die Zeit der Menschen war. Gewiss – nach allem, was ich wusste, waren ihre Gottheiten größtenteils kaum besser als die Menschen in ihren kleinlichen, grausamen Kämpfen, aber … vielleicht hatten diese Griechen nicht bei allem unrecht, nicht bei der Wahrnehmung der Zeit und auch nicht bei den “Räumen”, die die Welten voneinander trennen. 

“Oh, Awoun … Hilf mir!”, hörte ich mich sagen. “Hilf mir!” 

Und der Namenlose musste mir auf seine Weise Gehör geschenkt haben, denn das Geschenk des Mannas oder der rätselhaften “Dickmilch” erhielt ich noch etwa zehn Tage lang weiter, immer, wenn ich aufwachte. Ich weiß nicht, ob es sein tägliches Erscheinen war, das mich veranlasste, dort so lange bleiben zu wollen, ohne irgendetwas anderes zu tun zu haben als zum Unerkennbaren zu beten und auf eine weitere Vision zu hoffen, um dem Fieber meiner Seele Nahrung zu geben. Aber war es überhaupt ein Fieber? 

Wenn mich irgendjemand dort stundenlang beobachtet hätte, mit geschlossenen Augen oder verloren gen Himmel starrend, hätte er das gewiss gedacht, aber in Wahrheit erklomm ich Gipfel der inneren Ruhe, auch wenn mir mitunter noch Reste von Fragen wie Mücken im Kopf herumkreisten. 

Schließlich brach ein Tag an, ohne dass die flachen Steine vor meinem Unterschlupf von der kostbaren weißen Substanz überzogen waren. Ich wartete ein wenig. Nichts … Nichts weiter als eine laue Brise, die mir über das Gesicht strich, und das Blöken einer Schafherde in der Ferne. Aber es war keine Enttäuschung, denn schon bald sah ich in diesem Fehlen das unzweideutige Zeichen dafür, dass ich aufbrechen musste. 

Alles sagte mir, dass irgendein azurblaues Loch in meiner inneren Höhle durchgeschlagen war und die Unermesslichkeit des Himmels in die Vertiefung des Felsens strömte. Ich konnte es mir nicht besser vorstellen als mit diesen Bildern und rief die Walya (5) um Beistand an, in dem Bewusstsein, dass sie alleine beim Herannahen eines Begehrens die Flucht ergreifen würde. 

Also suchte ich mir irgendwo einen Stock, nahm meinen Beutel und folgte auf dem Schotter zwischen den Disteln (fast wahllos) den Pfaden der Tiere … Schon bald gab es Lorbeerbäume, kleine wilde Olivenbäume und Myrten, und dann traf ich auf einen Weg, auf dem mir ein paar Menschen sehr vage den Weg nach Ephesos weisen konnten. 

 “Ephesos?” Für sie war es ein bisschen verrückt, zu Fuß dorthin zu gehen. Es sei denn, man war wirklich arm! “Kein Esel? Kein Karren?” 

Schon seit langem bedeuteten mir derlei Überlegungen nicht mehr viel. Natürlich hatte ich nicht immer die Kraft und die Weisheit gehabt, mich reich zu fühlen, aber dennoch wusste ich mich tief im Inneren reich, an jenem Tag vielleicht sogar mehr als jemals zuvor. Ganz zu schweigen von dem gesegneten Moment, als ich erstmals einen Fluss durchquerte, der diesen Namen auch wirklich verdiente. Es war die ideale Gelegenheit, um endlich meinen Körper und mein Gewand zu waschen. 

Welche Erinnerungen diese Momente auslösten, als mein Kopf und meine Brust wieder aus dem Wasser auftauchten! Fast glaubte ich mich an der Stelle Jeshuas gegenüber Yohanan im sonnendurchfluteten Yarad (6). 

“Am Anfang von Allem war der Logos,

und der Logos war bei Dem,

das vor dem Anfang von Allem Ist.

Und der Logos war Selbst am völligen Anfang.

Er war dort, in der Ewigkeit, die keinen Namen hat.” 

Der Gesang drängte sich in den Wogen geradezu auf, so sehr war er in mein Herz eingraviert. Ich intonierte ihn mit lauter Stimme, weil er pure Freude war. 

Unter den letzten Strahlen der Sonne schlief ich nicht weit vom Wasser entfernt auf einem improvisierten Bett aus getrocknetem Schilf ein. Ich hatte keinerlei Hungergefühl. Die Nacht war tiefschwarz und sorglos, aber zweifellos sehr lebendig und schön für mein tiefes Gedächtnis … 

Ich glaube, dass ich noch zwei oder drei Tage lang weiterwanderte, wobei ich mich ab und zu Gruppen aus Frauen und Männern anschloss, die auf Karren gedrängt von einer Siedlung zur nächsten reisten. Immer beherbergten sie mich hinter den Mauern ihrer Behausungen, und immer verköstigten sie mich auch nach der uralten Tradition des Teilens, vielleicht aber auch in der Hoffnung, irgendein Orakel in mir zu finden, das ihre Zukunft voraussagen oder ihnen “etwas über die Götter erzählen” konnte. 

Natürlich kam auch Jeshuas Name aus meinem Mund, aber sanft, ohne zu drängen, denn es brauchte niemand von irgendetwas überzeugt zu werden. Schon der Name Jeshuas an sich war eine lebendige Welle, und man musste Sie Ihr Werk tun lassen. 

Zu meiner großen Überraschung war er einigen in diesen doch abgelegenen Tälern nicht unbekannt, Meryems Name ebenso. Der geeinte Atem, den beide in sich trugen, war in Seinem eigenen Rhythmus gereist, nach Seinem eigenen Willen, und weckte ein Interesse, das über Neugier hinausging. 

Ich erinnere mich an die unzähligen Fragen, die mir gestellt wurden, und ihre berührende Kindlichkeit. Da ich ganz offensichtlich kein Wahrsager war, musste ich eine Art Priester auf Wanderschaft oder ein Bettler sein, der seine Lebensumstände liebte. Doch da ich das verneinte, musste ich in jedem Fall ein Philosoph sein, um eben “irgendetwas” zu sein. Natürlich wusste niemand von ihnen, was ein Philosoph war, da sie noch nie einem begegnet waren oder zugehört hatten. Nur der Begriff war ihnen bekannt, der für sie tausend Mysterien in sich trug. 

Wie dem auch sei, diese sehr einfachen Begegnungen schenkten mir Vertrauen in die Menschheit. Vertrauen und Hoffnung, weil sie respektvoll in Erde und Fels verwurzelt waren, und auch, weil sie, ohne sie in Worte zu fassen, von der Dankbarkeit sprachen, die mir so am Herzen lag. 

Dann eines Tages, als ich allein auf einem breiten Weg dahinwanderte, der gen Westen führte, bemerkte ich schließlich auf einer Anhöhe ein kleines Steingebäude. Ich ging darauf zu. Es war ein sehr bescheidener, aber anmutiger Tempel mit dem kunstvollen Giebel und den Säulen, die für alle diese Tempel charakteristisch sind. Frauen waren damit beschäftigt, auf den oberen Treppenstufen Früchte abzulegen, wo im Schatten eines einfachen Naos (7) mit leicht geöffneten Türen die Umrisse einer sitzenden Statue zu erahnen waren, was ein seltener Anblick war. Zum Glück bereitete ich ihnen keine Angst, und wir kamen ins Gespräch. Sie gingen jeden Tag dorthin, sagten sie, um eine Göttin zu ehren, deren Verschwendungssucht es ihnen ermöglichte, 

im benachbarten Dorf stets gut zu leben.
“Wie heißt sie?”, fragte ich sie.
“Kybele. Sie ist unser aller Mutter. Aber komm ihr nicht näher.”
Der Klang des Namens gefiel mir, und ich wollte mehr über sie wissen. Eine weibliche Statue mit einem unglaublich glatten Gesicht, die zu einer so einfachen, sanften Hingabe inspirierte, könnte so schlimm nicht sein. Aber für die Frauen, die zu mir sprachen, war sie natürlich nicht einfach nur eine Statue. In ihren Augen verkörperte Kybele (8) die “gebärende Natur” in all ihrer Freiheit und Großzügigkeit. Sie war auch die “Mutter der Götter” und war selbst aus dem “Vater der Götter” entstanden. Es machte mich betroffen. So sahen die Griechen also hinter ihren angeblich göttlichen, dabei aber doch sehr fleischlichen Erzählungen eine göttliche Mutter und einen göttlichen Vater … 

Ich schlief im kurzen Schatten einiger Erdbeerbäume, und als die Nacht hereingebrochen war, gestattete ich mir selbst, mir zwei oder drei Früchte vom unteren Teil der Stufen zu nehmen, die zu der nun unsichtbaren Statue hinaufführten, da die Frauen sie, bevor sie gegangen waren, mit einem weißen Tuch bedeckt hatten. 

Ich tat das ohne Hintergedanken, ganz natürlich, und nahm diese Gelegenheit als weiteres Geschenk. Wurde Kybele, wie ich gerade erfahren hatte, nicht für ihre überströmende Großzügikeit verehrt? Gerne hätte ich etwas geträumt … der Ort bot sich ja dafür an. Doch ich träumte nichts, was aber nur gerecht war, denn mein Wesen hatte so viele “Dinge” in sich zu ordnen, dass es schon fürchtete, Epiphanes mit einer Art Leere im Kopf wiederzusehen, ohne Worte, um mich seinem Herzen und seiner Feder anzuvertrauen. 

Ach, mein Freund Epiphanes … Ich hatte ihn nicht vergessen in dieser Zeit des Rückzugs und der Einsamkeit. Und doch war er mir so weit weg erschienen! 

Einige Tage später, nach einer letzten langen Wegstrecke, erblickte ich schließlich von einer Anhöhe mit Weinreben aus Ephesos … Ephesos mit seinem großen Tempel der Artemis, seinem alten Hafen und dem tiefen Blau des Meeres, das mit den zerklüfteten Küsten Ioniens spielte. Mein Zuhause … 

 

(1) Wahrscheinlich führte diese Reise Johannes durch die Provinz Lydien, vielleicht sogar bis nach Phrygien.

(2) Das Wort ‘Awoun’ kommt aus dem Hebräischen und bedeutet „unser Vater“.

(3) Moses

(4) Hierin ist eine genaue Anspielung auf die Archonten zu sehen, die Dissidenten der galaktischen Bruderschaft der Elohim.

(5) ‘Walya’ bezieht sich auf das reine, unkonditionierte Bewusstsein. Die Griechen bezeichneten es als ‘Nous’. Heutzutage würde man es das ‘Supramentale’ nennen.

(6) Mit Yarad ist der Jordan gemeint.

(7) Ein Naos ist ein Tempel

(8) Die Göttin Kybele verkörperte die großzügige, wilde Natur in diesen Regionen Griechenlands, die damals „Phrygien“ und „Lydien“ genannt wurden. Die Römer übernahmen sie und machten aus ihr die „Große Mutter“, die „Magna Mater“ oder auch „Ceres“, wovon das Wort „Zerealien“ abstammt. Griechen und Römer machten aus ihr die „Muttergöttin“, die Zugang zu den Reichtümern der Erde schenkt. Im Mittelmeerraum findet Kybele ihre Entsprechung in Tanit und Astarte. Bei den Römern wurde sie mit Rea und Demeter (der „Mutter der Götter“) gleichgesetzt.

 

© Daniel Meurois, „Die Apokalypsen des Johannes“, 304 Seiten. Silberschnur Verlag. ISBN: 978-3-96933-114-9

In diesem initiatorischen Buch begleiten wir den Jünger Johannes auf seinen Reisen nach Ephesos und Patmos. Wir stoßen auf geheime Lehren, die Jesus seinem Lieblingsjünger anvertraut hat. Sie werfen Licht auf die Ursprünge des Göttlichen, auf die Erschaffung des Kosmos und auf das Geheimnis der Archonten, die die Menschheit in einem Raum- Zeit-Gitter gefangen halten. Diese Lehren bringen uns in Berührung mit dem universellen Christus-Geist, der in allen Zeitaltern und in allen Traditionen gegenwärtig ist und der uns einen Weg zur Befreiung des menschlichen Bewusstseins aufzeigt.

 

 

 

Wenn Sie, liebe Leser und lieber Leser, den Entwicklungsweg des Johannes von Anfang an miterleben und die enorme Ausstrahlung spüren wollen, die der Christus auf ihn ausgeübt hat, dann empfehlen wir Ihnen, die beiden Bücher über das Leben von Jesus zu lesen. 

 Erneut lässt uns der Autor an seinen Erlebnissen in der Akasha-Chronik teilhaben. Er berichtet uns von der Kindheit Jesu (Jeshuas) am Nildelta, seiner tiefgreifenden Begegnung mit den Elohim auf dem Berg Tabor und seiner Studienzeit im Essenerkloster, an deren Ende er eine 17-jährige Reise antritt. Diese führt ihn u. a. nach Balkh, wo er sich an sein früheres Leben als Zoroaster erinnert. Nach einem Aufenthalt im Himalaya, kehrt Jeshua zurück nach Ägypten, wo er im Herzen der Cheops-Pyramide vom Christusgeist erfüllt wird.

Daniel Meurois: Jesus – Die unbekannten ersten dreißig Jahre. 480 Seiten, Silberschnur Verlag. 978-3-96933-044-9

 

 

Nach dem bedeutungsvollen Ereignis am Jordan beginnt die Zeit von Jeshuas öffentlichem Wirken. Wir erfahren u. a. dass Maria Magdalena die Frau von Jeshua ist, dass die Auferstehung des Lazarus in Wirklichkeit einen Einweihungstod darstellt, der diesen zum Jünger Johannes werden lässt und  ferner, dass Jeshua nicht am Kreuz stirbt, sondern – nachdem er sich einige Jahre in das Essenerkloster zurückzog – letztlich nach Kashmir aufbricht, um dort die restliche Zeit seines Lebens im diskreten Rahmen zu lehren.

Daniel Meurois: Jesus – Die wahrhaftige Aufgabe und seine Jahre nach der Kreuzigung. 736 Seiten, Silberschnur Verlag. 978-3-96933-053-1

 

Einige Worte von Daniel Meurois zu seinem Buch…