Der Schauplatz

Es ist der 30. Januar. Der Himmel ist wechselhaft, vom Südpazifik rollen perlmuttfarbene Wellen auf einen einsamen Strand. Wir befinden uns auf der kleinen Insel Chiloé, nicht weit von der Küste des chilenischen Teils Patagoniens entfernt. Angestrengt versuchen meine Augen, den Küstennebel zu durchdringen, suchen in der Ferne, wo schon allein die Namen der Südgebiete einen mythischen Klang haben. Terre de Feu, Détroit de Magellan, Ushuaia … 

Aber auch Chiloé ist mythisch. In Santiago verführt es mit seinen Wäldern und offenen Weiten zum Träumen. Vor etwas weniger als 24 Stunden hat uns eine Fähre hier abgesetzt, und schon jetzt dringen die alten Geschichten an unser Ohr. Feen, Naturgeister, Wesen der himmlischen und unterirdischen Welten begegnen sich hier ganz selbstverständlich. Wenn nicht die Dörfchen und Ortschaften mit den bunten Namen wären, Castro, Cucao, könnte man fast meinen, in der Bretagne zu sein. 

Und dann, ab und an inmitten der Pflanzenfülle, das flammende Rot der Chilenischen Wachsglocke, die uns auf ihre Weise immer wieder daran erinnert, dass wir uns am andere Ende der Welt befinden … 

Langsam hat sich der Himmel verdunkelt. Um der Meeresgischt auszuweichen, machen wir kehrt und schlagen uns in eine Art sandiges Unterholz. Wir schweigen still; alles drängt uns dazu, wie aus Ehrfurcht vor einer gewaltigen Macht, die seit ewigen Zeiten hier wohnt. 

Ja, die Erde und das Meer von Chiloé haben ihre Geheimnisse … Legenden entspringen nicht nur der lebhaften Vorstellungskraft der Dichter und Geschichtenerzähler. Oft vergisst man, dass sie zuallererst aus den Mysterien einer Welt hervorgehen, die sich unserem Verständnis entzieht: der Welt des essentiell Heiligen. 

Mein Geist heute ist leer, mehr noch als sonst. Das bewirkt in mir eine Art unteilbare Entrücktheit, vollkommenen Frieden. Vielleicht ist es diese Entrücktheit, die mich die anderen bitten lässt, mich ein wenig allein zu lassen. 

Und sei es nur für kurze Zeit, dort drüben, hinter dem dornigen Dickicht … Es muss unbedingt sein, aber ich weiß nicht, ob ich es selbst verlange oder “etwas anderes”, das in meinem Kopf wohnt und mir fremd ist. 

Die anderen lassen mich also in Ruhe, und allein bahne ich mir mühsam einen Weg durch die Sträucher, die mir das Gesicht zerkratzen. 

Ich kann noch nicht einmal sagen, was genau ich eigentlich suche … Vielleicht ist es ja auch einfach nur das Bedürfnis, allein zu sein, wo die Erde vielleicht mehr zu mir spricht als anderswo? Also gehe ich weiter, ohne eine andere Wahl als die Stille zu erfahren, die mit jedem Schritt größer wird. 

Unvermittelt versinke ich bis zu den Waden im Sand. Ich stolpere … und muss anhalten. Ich stehe in einer Senke, stoße mit der Nase fast an einen Felsbrocken und ein paar Pflanzen, die daran herabhängen. Um mich herum herrscht absolute Stille … es sei denn, ich habe mich in meinen inneren Tempel geflüchtet wie in eine Blase außerhalb der Zeit. 

Nun verstehe ich, weiß ich, dass alles passieren kann und ich hoffen kann, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde eine Perle zu erhaschen, die dem Unbegreiflichen entwichen ist. 

Wie soll ich das nun Folgende schildern? Wie die Gegebenheiten beschreiben und die Gestalt der Präsenz, die mich an diesem entlegenen Ort der Welt mir selbst entrissen hat? Wie Worte und Sätze niederschreiben, die kein Verstand, keine logische Vernunft schmälern, trüben oder beschmutzen kann? 

Den genauen Weg, den meine Seele und mein Körper gehen, um das Folgende wahrheitsgemäß niederzuschreiben, möchte ich nicht preisgeben. Denn was ist von einem Geschenk zu halten, wenn man durch eine sonderbare Verpackung von seiner Schönheit abgelenkt wird? 

Die Senke verschwindet in einem kühlen, milchigen Lichtregen, dann schwebe ich empor und immer weiter empor … und sinke fast sofort unweit entfernt wieder hinab, ins Wasser … 

Vor mir stehen drei menschliche Präsenzen: zugleich scheinen sie nur eine zu sein, ohne dass mich das irgendwie erstaunt. Alles ist ganz “normal”, offensichtlich und einfach vollkommen! 

Die erste Präsenz ist männlich, die beiden anderen sind weiblich. Sie strahlen unsagbaren inneren Frieden aus, der jede irdische Frage verstummen lässt. Ich fühle, dass ich lächle, und eine Hand, dann ein Finger, weist auf eine nebelverhangene Leinwand. Ich gehe darauf zu, und die Hand berührt die Leinwand wie einen beschlagenen Spiegel, den sie trockenwischen möchte. 

Sofort zeigen sich archetypisch anmutende Linien und Zeichen darauf, getaucht in ein irisierendes, grünes Licht, das mich vollkommen einhüllt und mit Freude erfüllt. 

In diesem Augenblick dringt eine liebevolle, mächtige Stimme zu mir: 

“Hier … ergreife fest die Feder deines Herzens, merke dir und schreibe …” 

 

Die Unterweisung

“Schreibe … Von der Zelle über den Körper und bis in den vom Körperbewusstsein projizierten Raum erfindet sich das Göttliche, entdeckt sich und expandiert. So IST es. 

Vom Planeten über die Sonne bis hin zur Galaxie und zum Kosmos heißt es, dass Es sich selbst aussät im Rhythmus, in dem das Herz schlägt, die Seele ihren Horizont erweitert und der Geist seine eigene Herrlichkeit betrachtet. 

Von der Zelle über den Körper bis in den vom Körperbewusstsein projizierten Raum überwindet das Heilige die Illusion der Zeit. So LIEBT es. 

Das Eine ist vielfach in seiner Expansion, aber das Vielfache rezitiert nur das Eine. Es atmet ein, was Ihm ausgeatmet wird, und atmet aus, was Ihm eingeatmet wird. Es ist Atmung. Es ist der Akt des Liebens. 

Die heilige Vervielfachung spricht nur vom Gesetz des Einen. Sie bündelt es und verwirklicht sich auf diese Weise. Unzählig sind die Projekte des Göttlichen, aber einmalig ist ihr Ziel im Selbst.” 

 

Werdende Göttlichkeiten

Sieh deinen Körper, den du bewohnst, mit neuen Augen. Er ist analog zur gesamten Natur, er ist ihre Zusammenfassung … Und du, und ihr, die ihr die Verantwortung tragt, auf ihn achtzugeben und ihn auf eine noch höhere Verwirklichungsstufe zu führen, du bist, ihr seid sein Gott. Dies gilt sowohl auf den feinstofflichen Ebenen als auch in der materiellen Dichte. 

Jedes tierische oder menschliche Bewusstsein ist die Göttlichkeit seiner eigenen Organe, seiner Zellen und natürlich der Moleküle, von denen sie gebildet werden. 

Man könnte das noch weiter führen, weit über die atomare Struktur hinaus. Dort sähe man nicht nur Sonnensysteme mit ihren Planeten im Orbit, sondern auch Nebel und Galaxien auf dem Weg in … dieselbe Realität wie die, die auch den Menschen magnetisch anzieht. 

Die Macht, die wir Gott nennen, ist daher die Natur von allem, kein philosophisches Prinzip, dem man anhängen kann oder auch nicht … Jede Manifestation des Lebens, in welchem Stadium der Blüte sie sich auch befindet, stellt für die unendlich vielen Teilchen, aus denen sie besteht, eine Göttlichkeit dar. Parallel dazu ist sie eine Art zu Göttlichkeit werdender Staub, ein Teilchen Gottes, der sich mit ihm erschafft und es hin zu einem “Immer mehr” zieht. 

Mit diesen Augen sehen wir die Schöpfung: Wir sehen einen Mann und erkennen einen Gott in ihm. Wir sehen eine Frau und wissen, dass sie eine Göttin ist. In ihrer Vereinigung zeigt sich uns eine noch größere Göttlichkeit, die Verschmelzung zweier Zellen, die das Konzept eines künftigen “Organs” begründen … Verstehst du? Versteht ihr? 

Ja … wenn man sich erstmals mit solchen Gedankengängen beschäftigt, kann es einem leicht schwindelig werden, sodass man fast den Mut verliert. Deshalb kann nicht der Verstand allein all das erfassen und integrieren. Es gibt eine innere Mauer, die es zu überwinden gilt. Bildlich gesprochen würde ich sie als eine Art “Ultraschallmauer” bezeichnen. Man überwindet sie in einer bestimmten Art der Stille und Liebe, die man nur entdeckt, wenn man sich in die verborgene Leere zwischen zwei Gedanken fallen lässt. Fernab von Orientierungspunkten und in absolutem Vertrauen. Es ist eines der Abenteuer, die nicht halb gelebt werden können. 

Wenn ihr eine Freudenträne vergießen könnt über die Schönheit eines Grashalms oder über das Gedächtnis, das in einem einfachen Kieselstein enthalten ist, dann beginnt ihr wirklich zu verstehen. Die Sonne in euch wird dann besser zu ihren Planeten sprechen … 

Dieses Verständnis ist für den wahren Aufstieg des Bewusstseins von grundlegender Bedeutung. Mit ihm ist es möglich, ohne Zäsur zu leben zwischen dem, was “Ich” ruft, und den Abermilliarden Manifestationen des Lebens, die Teil der Schöpfung sind. Damit einher geht eine innere Haltung, dank der das inkarnierte Wesen nicht mehr geistig sterilisiert wird; sie bringt die Blase seiner Isolation zum Platzen. Sie weist auf einen Zustand dauerhafter Verbundenheit, der über die physischen und zeitlichen Grenzen zu allem, was war, ist und sein wird, einfach hinwegsieht. 

Wie könnt ihr noch besser direkt und spontan mit der göttlichen Präsenz in Kontakt treten? Es ist so einfach, dass euch wahrscheinlich genau das verunsichert und irritiert. Denn die Grenzen sind in euch, sie sind nur eine Illusion … 

Die Illusion von Grenzen 

Nehmt euch einen Stift und zeichnet eine horizontale Linie auf ein Blatt Papier, um es in zwei Hälften zu teilen. Ihr seid überzeugt, das obere Ende der Seite vom unteren Ende getrennt zu haben. Eure Augen nehmen es so wahr, und euer Verstand akzeptiert es. 

Nehmt euch nun eine Lupe und seht euch die Linie damit einmal genauer an; schon jetzt werdet ihr feststellen, dass der Strich gar nicht so undurchlässig ist, wie ihr dachtet, und viele kleine Unregelmäßigkeiten aufweist. 

Als Nächstes nehmt euch ein normales Mikroskop zur Hand und betrachtet die Linie aus noch größerer Nähe. Nicht nur werdet ihr staunen, wie durchlässig die Linie nun ist, sondern ihr werdet auch feststellen, dass eure Augen problemlos in dem Geflecht umherwandern können, bis sie fast in seine Materie eintauchen. Eure Linie ist schon jetzt keine Begrenzung mehr, sondern ein poröser Bereich irgendwo auf einer Seite, die ihr völlig aus den Augen verloren habt. 

Nehmen wir nun einmal an, ihr hättet auch noch ein hochpräzises Elektronenmikroskop zur Hand, mit dem ihr nun eure Linie analysiert, dann hättet ihr überhaupt nicht mehr das Bild einer Begrenzungslinie vor Augen, sondern müsstet zugeben, dass zwischen den winzigen Tintenpartikeln auf dem Blatt leere Bereiche existieren, die alle untereinander kommunizieren und eure “Grenze” damit völlig illusorisch machen. 

So kommuniziert im Universum alles mit allem. So stehen alle Aspekte des “Oben” ständig in Beziehung mit den Aspekten des “Unten” … in einem Maße, dass diese seit jeher gegensätzlichen Begriffe sich nicht mehr widersprechen, sondern einer einzigen Realität angehören. 

Halte das nicht für ein Spiel des Verstandes, der versucht, sich selbst von etwas zu überzeugen. Es ist eine absolute Tatsache. Entsprechend besteht keine mögliche reale Grenze zwischen den Elementen, die eine Zelle bilden, zwischen den Zellen untereinander, diesen Zellen und dem Organ, das sie bilden, den Organen untereinander und auch dem Körper, den sie hervorbringen und so weiter bis in alle Ewigkeit. 

Deshalb gibt es kein einziges Geschöpf, das von seinesgleichen trennbar ist, unbeeinflussbar von den Elementen und Manifestationen der Natur ist, von seiner Welt abgeschnitten ist und in keiner Beziehung zu den anderen Welten steht. Im Grunde verschmilzt alles mit allem, sowohl in der dichten Materie als auch auf den feinstofflichsten Ebenen. 

Nein, Überlegungen wie diese anzustellen, muss keine Kopfschmerzen bereiten. Es bedeutet nur zu beschließen, die inneren Grenzlinien aufzuheben und die göttlichen Formen zu achten, die sich durch das Selbst zum Ausdruck bringen und verwirklichen und uns helfen, wiederum selbst zu expandieren. 

Das Glied bildet mit der Kette ein Ganzes, aber die Kette ist nichts ohne die Vermählung ihrer Glieder … Aus der Idee der Vereinigung von offensichtlicher Fülle und Leere geht die Kette hervor. Sinne auch darüber nach. 

Das Rätsel der Freiheit 

Aber wo ist denn da die Freiheit, wirst du jetzt fragen? Sie ist immer da … und verändert ihr Gesicht je nach der Höhe, in der der Reigen des Lebens getanzt wird, also je nachdem, welche Reife die Elemente des göttlichen Tanzes haben. 

Je höher die Bewusstseinsstufe von Molekülen, Zellen, Organen oder menschlichen Wesen (was auf dasselbe hinausläuft) ist, desto mehr lösen sie sich vom “Gesetz der Zahl” ihrer Gruppe. 

Jedes Element ist also aufgefordert, heller zu werden und zu strahlen, um schließlich in seiner Entwicklungssphäre auf seine Weise zur Sonne zu werden. Und was ist der Kern einer Zelle, wenn nicht ihre Zentralsonne? 

Warum aber vermehren sich manche Zellen in Harmonie und andere in Anarchie? Warum spielen manche mikroskopischen Organismen eine konstruktive Rolle, während andere anscheinend dazu bestimmt sind, alles um sich herum zu verwüsten? 

Weil die Freiheit, von der jeder Organismus oder jede Organismus-Parzelle umgeben ist, vergleichbar mit einem Schmiermittel ist, das unerlässlich für den Motor der Schöpfung ist. 

Manche menschlichen Wesen, genau wie manche Zellen, kommen schneller voran als andere, erstrahlen mehr als andere und vor anderen … Das große Mysterium der Freiheit lässt sich dem einfachen menschlichen Geist nicht vollständig begreiflich machen. 

Die Freiheit ist die Schwester der Wahrheit. Beiden nähert man sich nur stufenweise in kleinen Schritten, weil sie uns sonst verbrennen würden. Warum? Weil sie keine absolute Definition haben. Sie expandieren fortwährend, weil sie keine Grenzen und deshalb keine Beschränkungen kennen! 

Unser aller Freiheit als Männer und Frauen, die ein bestimmtes Stadium des Menschseins erreicht haben, besteht darin zu lernen, mit höherem Bewusstsein und somit höherer Verantwortung zu entscheiden, ob wir Schlachtfelder oder Friedensräume erschaffen wollen. 

Natürlich trifft sich eine solche Entscheidung nicht allein mit dem Intellekt abgetrennt von den anderen Dimensionen des Seins. Der Intellekt allein verhält sich leicht wie ein diktatorischer Tyrann, der ganz nach Bedarf Argumente erfindet. Auch Idole erschafft er. 

So lange die Welle der Entscheidung, angetrieben durch freiwillige, beständige Liebe, nicht bis hinab zum Zellkern gelangt ist, findet keine wirkliche Vergöttlichung des Seins statt. Dann bleibt sie nur ein Versprechen, ein Horizont. 

Der plurale und singuläre Gott 

Verstehst du also, wo Gott auf Erden weilt? Welchen Namen soll man ihm geben, wie erhält man Zugang zu seiner Präsenz? Wenn allein deine Neuronen sich in Bewegung setzen, um eine klare Antwort darauf zu formulieren, dann hältst du dich noch beim Gegenstand deiner Überlegungen auf. 

Möge also niemand weiter gehen in dieser Unterweisung, die ich dir erteile, wenn er sie nur auf der ersten Stufe seines Verstandes zu empfangen vermag. 

Der Gott der Erde hat keine Lieblingssprache und keine bevorzugte Wohnstatt. Er nennt es nicht Gotteslästerung, wenn man Seinen Namen lieber im Plural statt im Singular verwendet. Gegensätze haben in Ihm keinen Platz. Er zerstreut und versammelt zugleich. Er ist Einatmen und Ausatmen. Er ist sogar Atemstillstand, denn in Wahrheit umfasst er alles. 

Nichts ist abzulehnen von dem, das durch das Spiel des großen Prismas ausgestaltet wird. Götter und Göttinnen sind Eigenschaften und Funktionen, durch die sich das ultimativ Heilige manifestiert … und denen ihr auf eure Weise Nahrung gebt, indem ihr sie mit euren Gefühlen, Ängsten und Ambitionen färbt. 

Welches Wesen ahnt, dass es dem Körper des Göttlichen Nahrung gibt? Der Strom des Lebens ist keine Einbahnstraße, weißt du. Er gleicht einer doppelten Luftsäule, in der der aufsteigende und absteigende Strom sich fortwährend begegnen. 

Jedes Organ ist für den es beherbergenden Körper unerlässlich. Es nimmt auf und verteilt, was er benötigt … doch sobald das Bedürfnis sich nicht mehr bemerkbar macht, verkümmert die Funktion, und das Organ verschwindet. 

In der großen Manifestation des Göttlichen gibt es uralte Göttlichkeiten, die entsprechend mit dem Blinddarm im menschlichen Körper vergleichbar sind. Das Lebensprinzip, das ihnen ihre Gestalt und Daseinsberechtigung gab, hat sich verlagert. 

So erscheinen und verschwinden Götter und Göttinnen im Rhythmus der menschlichen Bedürfnisse und Anrufungen. Sie tragen das Antlitz, das die energetische Kraft unzähliger Gebete ihnen verleiht. Ein Gott handelt nur für die Zeit, in der menschliche Gedanken ihm Leben schenken … 

Das bedeutet aber keineswegs, dass er eine kollektive Erfindung ist. Es bedeutet: Wenn das ihm zugrunde liegende Bewusstsein nicht mehr durch ein Bedürfnis und durch Inbrunst gespeist wird, besteht für es kein Grund mehr zur Öffnung der feinstofflichen Tür, durch die es sich manifestiert. Jedes Volk und jedes Wesen wirkt auf seinem Entwicklungsweg am großen Prisma der Schöpfung mit. Es genügt, die Notwendigkeit einer “Farbe” zu verspüren und sie entschlossen herbeizurufen, sodass sie sich offenbart … und ihr schließlich ein Kult gewidmet wird. 

Es genügt also, wenn ihr denkt, wünscht, ruft … und viele seid, die dies tun, damit ihr schließlich eine Antwort des von euch so genannten Unsichtbaren erhaltet. Eine Präsenz, die sich ebenfalls weiterentwickelt, aber in einer anderen Lebenssphäre als ihr, wird dann die “energetische Gussform” annehmen, die ihr für sie vorbereitet habt, und sich auf diese Weise zum Ausdruck bringen. 

Der Gott der Ameise 

Seht ihr … es existieren so viele mit dem Göttlichen verbundene Manifestationen wie es Arten von Bewusstseinsstufen gibt. Jede Lebensform kann in den Augen einer anderen Lebensform die Funktion einer Göttlichkeit oder der Göttlichkeit annehmen. 

Wer seid ihr in den Augen einer Ameise, wenn nicht ein vollständig verwirklichter Gott? 

Mit einem Fingerstreich könnt ihr sie von ihrem Weg abbringen, mit einem Fußtritt ihre Gemeinschaft verwüsten … und mit wenigen Spatenstichen eine Katastrophe anrichten, die ihre Welt vernichtet. 

Wenn ihr euch aber des Respekts bewusst seid, der ihrem Leben als Zelle gebührt, die nach Vergöttlichung strebt, dann werdet ihr sie nicht rücksichtlos behandeln. Ihr werdet ihr “Ende der Welt” nur aus absoluter Notwendigkeit herbeiführen. Schließt daraus, was daraus zu schließen ist … 

Sich die Mühe zu machen, in dieses Verständnis einzutauchen, ist ein großer Schritt in die Horizontale. Diesen Schritt dann auf eine ganze Umwelt und die ganze Natur auszuweiten bedeutet, sich zu einem bewussteren, verantwortungsvolleren Gott für sie zu machen. Ein noch größerer Schritt ist es dann, zu einem analogen inneren Prozess in der Vertikalen fähig zu werden. Er ist größer, weil er einer Logik der Bescheidenheit folgt. 

In Wahrheit seid ihr für einige Präsenzen, die das Universum bevölkern und die ihr zu Recht Göttinnen und Götter nennen könnt, kaum etwas anderes als Ameisen, deren immer wieder auftretende Katastrophen und Apokalypsen aufgrund ihres Bewusstseinsstadiums einfach unumgänglich sind. 

Natürlich ist dieses Bild vom unendlich Kleinen parallel zum unendlich Großen nicht neu. Neu kann es aber werden, wenn ihr zulasst, dass es eure Hirnregion verlässt und ihr euch von dem durchdringen lasst, was es wirklich bedeutet. 

Denn macht euch dieses klar: Wenn wir “unendlich groß” sagen, müsst ihr “unendlich subtil” darunter verstehen. Wahre Größe, seht ihr, hat niemals mit Abmessungen zu tun. Sie ergibt sich aus der Erhöhung der Schwingung, die die Seele dem Körper aufprägt … und die eine Gruppierung von Wesen einer Welt verleiht. 

Genau zu diesem Sprung in die Vertikale seid ihr dringend aufgefordert … ansonsten könnte euer Ameisenhaufen sehr radikal hinweggefegt werden, ohne dass ihr wisst warum. 

Versteht das nun aber nicht als Drohung oder Strafe, verhängt von einer göttlichen Macht, deren Verkünder wir sind. Seht in diesen Worten einfach nur den entschlossenen, mitfühlenden Hinweis auf ein universelles Gesetz, an dessen Gestaltung ihr ständig mitwirkt. Ein Gesetz, das in eine immer höhere Höhe als die Höhe führt. Und ein Gesetz, das die Schönheiten der Horizontalität der Welten als Triebkräfte des Bewusstseins achtet und zusammenführt. 

Hört auch noch dieses … Jeder Gott trägt eine Verantwortung, nämlich, die Harmonie innerhalb des Universums zu bewahren, dessen Definition er geschaffen hat. Muss da noch mehr gesagt werden, was eure unvermeidliche, notwendige Mitwirkung an der Macht des Lebendigen betrifft, die sich ihrem Wesen entsprechend ins Unendliche ausdehnt? 

© Daniel Meurois

Auszug aus Mysterium Gott (S. 13-17 und S. 32 – 42): 

 

 

Mysterium Gott – Eine kollektive Biographie

Silberschnur Verlag

ISBN: 978-3-96933-014-2

208 Seiten