Plötzlich hörte ich eine Art Summen, ähnlich wie von den Bienenstöcken, die ich mir einmal hatte ansehen können. Ein Summen, welches mit einem lauen Wind einherging. Ich versuchte, mich aufzurichten, aber es war mir unmöglich. Alles kam aus meinem Inneren und wurde immer machtvoller. Würde ich nun für immer meinen Körper verlassen und nach Hause zurückkehren? Die Frage machte mir nicht die geringsten Sorgen, ganz im Gegenteil. Oh, wenn das möglich wäre … Ich war mir fast sicher, dass mein Körper gleich in der Natur verschwinden und man sich kaum an mich erinnern würde, nicht mehr als an einen Traum, der einem anderen Platz machte, der tiefer verwurzelt war.

Doch da ließ das Summen plötzlich nach, und eine Hülle aus Licht bemächtigte sich meiner. Makelloser als der strahlendste aller Monde fühlte ich ihre Kugelform Besitz von meinem Herzen ergreifen, wie ein großer Vogel, der sich mit ausgebreiteten Schwingen in seinem Nest niederließ … So kurz wie eine Windböe, ein Blitz ohne Donner, und dann … nichts. Nichts … wenn nicht die Gesamtheit von Allem.

Dann aber erklang sachte eine Stimme, die weder männlich noch weiblich war … eine Stimme, die sich mit einer Botschaft trug, und sie sprach nicht in Worten, sondern über artikulierten Atemhauch. Bei vollem Bewusstsein, obgleich in Schwebe zwischen den Welten, vernahm ich seinen Namen … Djibrael … und Er übersäte mich mit silbrigen Perlen.1 Meine Brust zerbarst …

Sonne und Wind, Ich komme in dich, damit du Mich und Jenen trägst, durch den sich alles verändern wird. Sei der Kelch … Hier ist die Erinnerung des Atems, den du dir selbst gelobt hast in dir zu tragen … Lass Sie in deinen Leib hinabsteigen. Gebäre den Einiger …

Die mir überantwortete Botschaft, so kurz wie sie war, hallte in meinen Körper nach wie ein Echo, das einen heiligen Taumel in mir auslöste … Gebäre den Einiger … Gebäre den Einiger!

Danach, glaube ich, war ich mir meiner selbst nicht mehr bewusst; ich war nicht mehr die Heranwachsende namens Meryem, deren Vermählung sich fast ohne ihr Gewahrsein anbahnte, sondern ich war … ich weiß es nicht. Eine Dienerin, eine Sternschnuppe am Himmel, eine Muschel, die sich einer anbrandenden Welle hingab, die Gischt, die von dieser Welle getragen wurde oder vielleicht alles zusammen.

Als ich wieder Herrin meiner Sinne war, tauchte die Morgenröte den Himmel über den Hügeln am Horizont in ein zartes Licht, und ich hatte schreckliche Schmerzen mitten in der Brust.

Ich konnte kaum aufstehen und kauerte mich stattdessen zusammen. Hatte ich Wahnvorstellungen gehabt? Ringsum in den Tälern wuchsen in Hülle und Fülle schöne, große Blumen mit roten oder blauen Blüten2. Hatte man mir etwa ihre Samen zu essen oder ihren Saft zu trinken gegeben? Aber das war doch absurd! Und außerdem erzählten meine Augen etwas anderes. Sie standen ganz von alleine voller Tränen und zeugten von einer Wahrheit, die sich nicht leugnen ließ.

Meine Brust schmerzte noch immer, aber schließlich schaffte ich es aufzustehen und zum Haus meiner Eltern zurückzugehen. Irgendjemand sah mich dabei, ich wusste es sofort. Unbestimmte Geräusche von Schritten und eine schemenhafte Gestalt im Schatten einer Mauer verrieten es mir. Aber es war mir gleich … Trotz meines unsicheren Gangs überkam mich ein unsagbares Glücksgefühl.

Konnte es zum Wahnsinn führen, von etwas Absolutem oder Reinem überwältigt zu werden? Aber was war denn Wahnsinn überhaupt? Die Ablehnung der Nichtigkeiten und Taktierereien dieser Welt, mit denen ich gerade Bekanntschaft machte? Wenn es auch noch bedeutete, sich ein Gewand der Einsamkeit überzuziehen bis hin zur lichtvollen Verblendung, um vom Unendlichen befruchtet zu werden, dann akzeptierte ich gerne diesen Wahnsinn. War Djibrael eine Illusion? Es spielte keine Rolle, denn ich wusste, dass in meinem Herzen etwas Unumkehrbares stattfand, das mich bis ins Mark erbeben ließ.

Der Wahnsinn des Göttlichen … Ich verlangte danach, ob nun mit oder ohne Yussaf … Aber ich liebte ihn doch, in aller Wahrhaftigkeit … Und so vertraute ich mich ihm und niemandem sonst ein paar Tage später an. Ich ging mit ihm unter die Mandelbäume, wo man uns nichts vorwerfen konnte, und erzählte ihm alles. Er hörte mir lange zu, ohne ein einziges Wort zu verlieren. Ich sah, wie sich seine Augen röteten und sich seine Stirn in tiefe Falten legte, als ich seine rechte Hand nahm und auf mein Herz legte. Eine furchtbar waghalsige Geste, denn ich hielt sie dort weiter fest.

„Meryem, was tust du da? Wenn dich jemand sieht …“

„Ich will, dass du es fühlst … genau da geschieht das alles. Ein Engel des Ewigen hat dort eine Tür geöffnet, und der Atem einer Erinnerung ist hineingefahren.“

„Der Atem einer Erinnerung?“

„Ich habe keine anderen Worte dafür, Yussaf. Oder vielleicht doch … die Erinnerung des Atems.“

In diesem Augenblick brachen alle Dämme in den Augen meines Liebsten, und auch ich ließ mich davon mitreißen. Ich weiß noch, dass wir uns schnell wieder fingen, aber unsere Hände wussten nicht mehr, wie sie einander loslassen sollten.

Schließlich fand Yussaf die Kraft, leise ein paar Worte auszusprechen.

„Unsere Tradition kennt solche Dinge. Man sagt, ‘so etwas kommt vor’, aber …“

Ich teilte sein ‘Aber’, gewiss glich es dem meinen. Aber … warum wir? Es gab keine menschengemachte Antwort darauf.

Als der Tag sich dem Ende zuneigte, begab ich mich mit Hannah zum Waschplatz. Offenbar hatte sie sich genau den Zeitpunkt dafür ausgesucht, zu dem die meisten Frauen aus dem Dorf von dort zurückkehrten. Es war ein lauer Abend, und vor meinem geistigen Auge sehe ich noch die Hühner, wie sie herumlaufen und im Staub scharren, und zwei oder drei Hunde an Sträuchern schnuppern.

„Dein Blick hat sich verändert, Meryem“, murmelte Hannah plötzlich etwas unbehaglich, während sie die Hände ins Wasser tauchte. „Ich weiß es, ich bin deine Mutter. Was ist los? Yussaf hat … Seit ein paar Tagen seid ihr euch sehr nahe.“ 

Ich weiß nicht warum, aber als Antwort fiel mir nichts Besseres ein als zu lächeln, bevor auch ich mich über das Wasser beugte. Dann legte ich meine Stirn an ihre Schulter.

„In zwei Monden werde ich vermählt werden. Vater und du habt es so gewollt, aber was würdest du sagen, wenn der Ewige auch noch ‘etwas’ darüber hinaus wollte?“

Etwa eine Woche später trafen Yussaf und ich uns bei Tagesanbruch im Grunde eines benachbarten Tals, wo sich ein verfallener Schafstall befand. Wieder nahm ich all meinen Mut zusammen. Ich legte seine Hand auf mein Herz, das immer noch genauso verletzlich war und mir bis zum Hals schlug … und dann verschwanden alle Hemmungen. Wir fanden uns in einer innigen Umarmung wieder; es musste so sein, damit das Feuer in meiner Brust befreit wurde und das beengende Gefühl nachließ. Endlich konnte der Atem einer Erinnerung3 in den Nährboden gelangen, der Ihn erwartete. So hat es sich zugetragen …

Die restlichen zwei Monde vor unserer Vermählung verbrachten wir bestürzt darüber, eine Verfehlung begangen zu haben, die jenseits der Sterne gewollt gewesen war … Mein Körper wiederum bestätigte mir sogleich, dass ich schwanger war und einen Botschafter in mir trug. Eine Reise ins Unaussprechliche …

Über unsere Hochzeit habe ich nur wenig zu sagen. Ich war nicht wirklich gegenwärtig und bemerkte, dass es auch Yussaf immer wieder so erging. Paradoxerweise hatte die gesegnetste aller Stunden ja schon in morgendlicher Stille in einer verfallenen Hütte stattgefunden, und durch die Riten, die sich über drei Tage erstrecken würden, wurde nunmehr nichts weiter als der Konvention Genüge getan, auch wenn Gebete und Litaneien darunter waren.

Schließlich wurde uns ein großes Basha4 mit dicken, azurblauen Perlen um den Hals gelegt, und dann konnten alle Gäste zum Rhythmus des Tamburins tanzen und sich an goldenem Landwein gütlich tun.

Doch es gab einen besonderen Moment, der eine Wohltat für meine Seele war. Ein älterer Mann, der sich die ganze Zeit über im Hintergrund gehalten hatte, gesellte sich irgendwann unter einem Feigenbaum zu mir. Yohachim und Yussaf kannten ihn schon sehr lange. Genaueres hatten sie mir aber nie erzählt, außer, dass er eine Sonderstellung in der Bruderschaft innehatte und über die natürliche Autorität eines alten Weisen verfügte. Sein Bart und sein langes, ergrautes, hier und da leicht rötliches Haar, das unter einem weiten Schleier aus grobem Leinen hervorlugte, verstärkten noch den Eindruck von Ehrwürdigkeit, der von ihm ausging.

Nachdem er mich eingehend betrachtet hatte, trat er auf mich zu und umfasste meine beiden Hände. Und er sagte zu mir: „Ich heiße Zerah und schätze mich überaus glücklich, denn ich habe mein Leben damit zugebracht, auf euch beide zu warten.“ Mit diesen Worten führte er unsere vereinten Hände sanft zu meinem Bauch … 

Für eine Antwort fehlten mir jede Worte. Zerah gehörte zu den wenigen Wesen, von denen man sagte, dass sich ihre Seele in Ohr und Herz ergoss. Sichtlich bewegt, verneigte er sich und mischte sich unter die Gäste, bevor er vollends verschwand.

Dann, nun ja, folgten Nächte und Tage, wie sie für eine junge Braut üblich waren. Yussaf liebte mich, das war offenkundig, während ich mich wie ein kleiner Vogel fühlte, der auf sein Nest aufpassen musste. Ich, eine Taube?5 Ich glaube, das hatte ich ein wenig vergessen in dem Wirbelwind, in den mein Körper als der einer jungen Frau geraten war. 

Natürlich war ich zu Yussaf gezogen und lernte, „unser Haus“ zu sagen, wenn ich von seinem sprach. Und natürlich ließen mich seine beiden Söhne bei keiner Bewegung aus den Augen. Ich konnte sie verstehen. Wir mussten uns erst aneinander gewöhnen. Manchmal zuckte mein Bauch. Ich sprach nicht darüber … Es war noch zu früh.

Im Laufe des Herbstes begann mein Bauch sich zu runden … wahrscheinlich zu sehr für manche, die die verstrichenen Monate abzählten. Ab und zu wurde mir wissend zugelächelt, was mir aber immer weniger ausmachte, je mehr Wochen vergingen. Es schien, als würde die Präsenz, die in mir heranwuchs, mir eine ruhige Selbstgewissheit schenken, die mich Tag und Nacht begleitete.

Manchmal kniete Yussaf sich hin und legte behutsam sein Ohr an meinen Bauch. „Ich weiß, dass er zu mir spricht, sagte er dann immer. „Ich weiß nicht wie, aber er spricht zu mir. Und wahrscheinlich hatte mein Liebster auch Recht, der immer wieder neue Vorwände fand, um nicht mehr nach Jerusalem oder anderswohin zu reisen, und sich lieber mit der Arbeit am Holz beschäftigte.

Aber warum redeten er und ich immer von ihm? Warum nicht von ihr? Warum nicht von einer künftigen Taube, die in meine Fußstapfen treten und dem Beispiel meiner Seele folgen würde? Immer wieder kamen mir diese Fragen in den Sinn. Manchmal erschien mitten in der Nacht auch das Bild eines Kelches mit zwei ausgebreiteten Flügeln in meinem Geist, gefolgt von Wasser, welches sich ergoss …

„Hörst du mich, Mutter?

Es war, als hätte mich ein Windstoß geweckt.

„Hör mir zu, Mutter, begann die Stimme wieder, die plötzlich zu einer Liebkosung in meiner Brust geworden war. „Du bist meine Flamme, und Ich bin die Deine. Seit aller Zeiten Herz zu schlagen weiß, atmen wir nicht ohneeinander. Weißt du, Wovon ich spreche?  Seit dem Herzschlag aller Zeiten atmen wir nicht mehr ohne einander.

„Nein, ich weiß es nicht. Aber ich verstehe Dich und kenne Dich …

In der Stille der Nacht, an Yussafs Seite, der auf seiner Matte schlief, erwuchsen Worte in mir, über die ich keine Kontrolle hatte.

„Wer bist Du, Den ich doch schon kenne?

„Der andere Teil und die Gesamtheit Deiner selbst. Der, durch Den Du geboren wurdest. Der Tröster …

Im Halbschlaf hob Yussaf seine raue Wolldecke und streichelte mir sanft über den Bauch. Hatte auch er es gehört? Ich habe es nie erfahren. Ich konnte nicht einfach aus bloßer Wissbegierde das Siegel einer grenzenlosen Innigkeit lüften.

Bis zum Tag Seiner Ankunft war dies mein einziges Gespräch mit Dem gewesen, der Sein Einssein mit mir bekundet hatte … mit mir, meinem Ich! Was für ein lächerliches Wort das in dieser Situation war! In den langen Stunden meiner einfachen Alltagstätigkeiten klang es immer wieder vorlaut in mir nach, so als sollte ich unter seine Hülle blicken und es in seiner Eitelkeit entlarven. Ab und zu sah ich dieses aufgeblasene ‘Ich’ vor mir wie einen dieser Holzkreisel, mit denen die Kinder spielten … Sie drehten sich wie verrückt um sich selbst und zogen immer größere Kreise, bis sie schlagartig umkippten.

Aber in Wahrheit erschufen ja nicht die Kreisel selbst den ruhelosen Anschein einer Existenz, sondern die Finger der Kinder, die einfach gedankenlos die Gesten ihrer eigenen Eltern nachahmten, als diese selbst Kinder gewesen waren, die sie wiederum von ihren Großeltern übernommen hatten und so weiter und so fort.

Und so sagte ich mir, dass ich mit diesem ständigen ‘Ich, Ich’ genau wie unzählige andere auch nur eine Illusion nährte. Ich drehte mich lediglich um meine bescheidene Wirklichkeit eines Augenblicks, die sich unablässig sofort wieder verflüchtigte, sobald sie entstanden war. Also konnte es doch gar kein ‘Ich’ geben, das sich darauf vorbereitete, ein anderes Selbst in sich aufzunehmen!

Unsere Welt war eine Falle, und unsere Worte mit den dahinter lauernden Ideen waren wie Verräter. Was blieb mir nach dieser Feststellung, als noch mehr zu lächeln? Das war meine innere Haltung in den letzten Wochen vor der Wiederbegegnung mit Ihm – der einzige Name, der hier geboten war. Dem lag keine bewusste Entscheidung meinerseits zugrunde, sondern eine Verinnerlichung, die aus meinem Herzen sprach und sich so von Selbst verstand.

Der Frühling zeigte seine ersten Knospen, als Yussaf angesichts der baldigen Niederkunft und der vielen Besucher, die sich nach dem ‘Zustand der Taube’ erkundigten, entschied, dass es klüger wäre, wenn die Geburt nicht im Dorf stattfände. Etwa eine Meile von seinen Trockensteinmäuerchen entfernt befand sich ein sogenanntes Betsaid. Dort empfing man Durchreisende, Notleidende und natürlich auch Kranke. Es war auch eine dieser Unterkünfte, wo einige aus unserem Volk „Seelenbehandlungen“ durchführten. Alles war unentgeltlich oder wurde gegen kleine Dienste erbracht. Die Idee, mich insgeheim dorthin zu begeben, um dort mein Kind zur Welt zu bringen, kam mir deshalb wunderbar gelegen.

Eines Abends machten Yussaf und ich uns also auf den Weg, allen Fragen nach unserem Ziel ausweichend. Natürlich vermochte das niemanden zu täuschen, aber so manche Neugier war mit einem Mal feinfühligem Respekt gewichen.

In einem Tal trafen wir auf prächtige Olivenbäume, ein Gewirr aus Feigenbäumen und einen Bach, den wir inmitten der Moose überqueren mussten. Siehe da – wir waren angekommen. Wir erblickten ein halb zwischen ein paar Felsblöcken errichtetes Gebäude und einige Schafe, die unter den gutmütigen Blicken eines Hundes umhertrotteten.

Allerdings war der Ort nicht ganz so ruhig wie von uns erhofft. Nachdem wir einen Ring zum Anbinden unseres Esels gefunden hatten und über die Schwelle getreten waren, mussten wir uns erst einmal zwischen Bedürftigen, Verwundeten und Reisenden hindurchzwängen. 

Glücklicherweise bemerkte einer meine Rundungen und war so gütig, mir seinen Platz anzubieten, den er weiter hinten in einem kleinen Anbau gefunden hatte, welcher fast mit dem Felsen verschmolz. Es gab Stroh und Decken und eine der Frauen, die ‘mittels der Seele heilten’, war zugegen, die über all das gebot. Mehr brauchten wir nicht.

Und so legte ich mich hin und schloss die Augen, so als wäre ich bereits in einer anderen Welt, aus der Er kam und von der Er mir zumindest in Fragmenten etwas mitbringen würde … Mein Ehemann setzte sich auf den Boden und nahm meine Hand. Alles war perfekt, und auch am nächsten Tag veränderte sich nichts. Mein Bauch spannte, ich fühlte Tritte und Bewegungen, aber hatte keine Schmerzen. Ich nahm nur eine Art ständiges Gebet in mir wahr wie ein Gesang, der ohne eine bestimmte Melodie auf- und abwogte.

Yussafs liebevolle Worte wachten über mich bis zur Morgendämmerung des nächsten Tages. (…). Und dann war der Zeitpunkt gekommen. Eine Welle fuhr durch meinen Leib, feuchte Wärme ergoss sich zwischen meinen Beinen … Sogleich boten sich die helfenden Hände der Seelenheilerin an, zusammen mit ihrer Stimme aus Milch und Honig. Ich erinnere mich, dass ich ein paar Schreie ausstieß, aber mehr noch aus Erstaunen als vor echten Schmerzen. Tränen stiegen in mir auf, die Ihm in einem beispiellosen Impuls der Befreiung vorausgingen … Und dann war Er da, lag auf meinem nackten Bauch und tat mit einem zarten Schrei seinen ersten Atemzug.

Ich sah, wie Wasser herbeigebracht wurde, Leinenbahnen, eine mir unbekannte Salbe, und schließlich erblickte ich Yussaf nur wenige Schritte entfernt, staunend, als könnte er nicht glauben, welche neue Wirklichkeit gerade in Begriff war zu entstehen.

Vielleicht verlor ich kurz das Bewusstsein, dann spürte ich das Gewicht eines Tuchs auf meiner Stirn. Das kühle Wasser, mit dem es getränkt war, lief an meinen Schläfen herunter und benetzte mein Haar. Ich wollte mich aufrichten, aber dazu blieb mir keine Zeit. Yussaf hatte unser Kind auf meine Brust gelegt. Es war ein Junge, ich hatte es immer gewusst, Er war es wirklich, und sein Erscheinen erforderte sogleich eine rituelle Geste, die dem Volk von Essania zu eigen war. Behutsam nahm Yussaf etwas von meinem Blut und malte mit dem Zeigefinger den achtzackigen Stern auf die Stirn unseres Sohnes. (…)

Den ganzen Tag lang suchte ich unter halb geschlossenen Lidern unablässig seinen Blick und er meinen, während er sich an mich schmiegte und ab und zu in die Zeitlosigkeit eintauchte, die ihm sicherlich immer noch ein wenig zu eigen war.

Manchmal stieß er leise Schreie hervor, wie um zu sagen, dass er wirklich da war, und ich bot ihm meine Brust an. Es war eine seltsame körperliche, sinnliche Erfahrung, die, so sagte ich mir, wohl für alle jungen Mütter überraschend kommen dürfte. Trotzdem war das gar nichts im Vergleich zu dem kraftvollen Blick, mit dem er ständig in mich einzutauchen suchte. Auch wenn ich ein- oder zweimal versuchte, mich seiner Eindringlichkeit zu entziehen, traf er immer in mein Herz und mein Inneres, um dort eine lange, unergründliche Rede zu halten, in der sich, ich wusste nicht welches immaterielle Leid mit unglaublicher Glückseligkeit mischte. (…).

Nun würde ein neuer Abschnitt in meinem Leben geschrieben werden, oder vielmehr sich offenbaren. Gerade war ich sechzehn Jahre alt geworden und hatte mehr denn je das Gefühl, einer unausweichlichen Bestimmung zu folgen; es war wie die Bahn eines Pfeils aus Feuer, woran ich zweifellos mitgewirkt hatte, aber ohne deshalb zu wissen, was das letztendliche Ziel war …

 

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(1) Gabriel. Aus kosmischer Sicht kann man nicht umhin, den Erzengel Gabriel mit Hermes oder Merkur, den göttlichen Botschaftern der griechisch-römischen Tradition, in Verbindung zu bringen. Merkur oder Quecksilber, im Wortsinne „lebendiges Silber“, ist als Stoff fest und flüssig zugleich und wird immer mit dem Mond assoziiert. Siehe das Buch Die Medizin der drei S, 1. Kapitel, desselben Autors.

(2) Sicherlich eine der zahlreichen Mohnblumenarten, die sich vom Himalaya bis nach Ägypten verbreitet hatten.

 (3) Unter dem „Atem der Erinnerung“ ist das Keim-Atom eines Avatars oder einer göttlichen Inkarnation zu verstehen. Dieses Atom wird durch Ruach (hier repräsentiert durch Djibrael) in die kausale Aura der künftigen Mutter eingebracht und lässt sich in ihrem Herzen nieder. Die Erinnerung des kommenden Gesandten geht also nicht durch den Filter eines inkarnierten Vaters. Trotzdem kann diese „spirituelle Befruchtung“ aber nur mit anschließendem Geschlechtsverkehr erfolgreich sein.

(4) Das Basha war eine Art Mala oder Rosenkranz mit 108 Perlen und wurde traditionell von der Bruderschaft der Essener verwendet.

(5) In der Bruderschaft der Essener war die „Taube“ immer von zentraler Bedeutung. Sie wurde unter den sehr jungen Mädchen der Gemeinschaft ausgesucht und spielte eine Rolle, wie sie ganz ähnlich auch die griechischen Vestalinnen innehatten. Sie symbolisierte die Reinheit der Tradition und musste das Heilige Feuer bewahren.

Auszug aus dem Buch »HINTER MERYEMS SCHLEIER« (Kapitel 4)

© Daniel Meurois: Hinter Meryems Schleier. Das geheime Leben von Maria

 

Wer war Maria, die Mutter von Jesus? Auf diese Frage gibt die bewegende Erzählung von Daniel Meurois eine umfassende Antwort. Wir erfahren von dem gesamten Leben dieser außergewöhnlichen Frau: von ihrer faszinierenden Kindheit als Vestalin der essenischen Gemeinschaft, über ihren Aufenthalt am See Genezareth an der Seite Jesu, bis zu ihrem Verweilen in Ephesus zusammen mit dem Jünger Johannes. Viele Themen werden angesprochen, insbesondere der Orden des Melchisedek, das verborgene Wirken der Archonten, die tieferen Gründe für die Mission Christi auf Erden und eine Annäherung an das Göttliche in seiner mütterlichen und kosmischen Dimension. »Unter dem Schleier von Meryem« nimmt uns mit auf eine außergewöhnliche und packende Einweihungsreise.

448 Seiten, Silberschnur Verlag, ISBN: 978-3-96933-133-0