Es ist bekannt, dass nicht alle Lebenswege so furchtbar sind wie die, von denen die Medien voll sind. Das heißt allerdings nicht, dass wir nicht alle unsere Last zu tragen haben, dass einige Leben wie ein »Spießrutenlauf« anmuten und viele von uns verzweifelt sind und keinen Sinn hinter den (mitunter immer wieder neuen) Schicksalsschlägen erkennen können, die ihren Weg pflastern.
Warum so viele Trennungen, Verluste, Trauerfälle, Schwierigkeiten, unseren Platz in der Welt zu finden, verschlossene Türen, verpasste Chancen oder wiederkehrende gesundheitliche Probleme? Ja, warum? Nur allzu oft lassen wir uns dann davon entmutigen, resignieren oder lehnen uns dagegen auf, mit all den dazugehörigen Auswüchsen, und greifen manchmal sogar zu Gewalt als ultimatives Ventil.
Nur selten kommt es zum nachdenken, zum verstehen und darüber zum hinauswachsen, da es uns an Werkzeugen fehlt, an »Flügeln«, um uns und die Welt aus einem anderen Blickwinkel betrachten zu können. Und eines Tages sterben wir … aller Dinge überdrüssig, voller Frustrationen im Gepäck oder, noch schlimmer, voller Zorn, ohne uns bewusst zu sein, dass »all das« uns »auf die andere Seite« folgen wird.
Denn wem oder was sollen wir uns zuwenden in dieser Welt, wenn sich eine Prüfung an die andere reiht?
Einst war die Antwort darauf recht einfach: den Priestern und der Religion. Das hat sich radikal geändert – zum Glück, muss ich sagen, denn deren vermeintliche Antworten waren keine …
Es waren vorgefertigte Argumente, die nur noch geschluckt werden mussten, versteinert in Dogmen, gewürzt mit einer Sauce aus Reue, was zwangsläufig zu einem Gefühl der Unterwerfung unter »Gott« führte und somit auch zu einem Schuldgefühl, von dem man nicht wusste, woher es eigentlich kam. Wir waren Sünder, mussten »unseren Glauben bewahren« und beten, und das war alles, denn mehr gab es nicht zu erstreben.
Zwar ist unsere Menschheit (zumindest im Westen) in wenigen Jahrzehnten in ihrem Bewusstsein nicht unbedingt reifer geworden, aber zumindest hat sie sich von manchen Fesseln befreit, die ein Nachdenken verhindert und einen »Registerwechsel« unterbunden haben. Und auch wenn nicht alle Menschen zum Besten ihres Bewusstseins davon profitieren, steht ihnen heute trotzdem die Tür zu einem befreienden Wandel offen.
Man muss daher auch den Mut haben zu sagen, dass dieses Buch auch deshalb existiert, weil weltweit die religiösen Systeme versagt haben, die von Anfang an ihren Lehrauftrag nicht geleistet haben. Zu glauben bedeutet weder zu wissen noch zu verstehen oder gar zu kennen, um schließlich zu verinnerlichen. Glaubensbekenntnisse erwecken nicht, sondern beruhigen, hypnotisieren und schläfern ein.
Ich möchte diesen Systemen hier ganz sicher nicht den Prozess machen. Sie hatten ihre Daseinsberechtigung, aber wie alles, das einen Anfang hat, werden sie logischerweise auch einen Niedergang erfahren und wenn die Zeit gekommen ist, auch eine Art selbst herbeigeführten Erstickungstod. Alles ist eine Frage von Zyklen.
In Wirklichkeit lässt sich das Problem, vor dem unsere Menschheit steht, recht einfach beschreiben – was aber nicht bedeutet, dass es leicht zu lösen ist.
Es lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: Wir kommen ohne besondere Gebrauchsanleitung für uns selbst auf die Welt, und nur sehr wenige verstehen, dass sich der »Bedienungsleitfaden«, den sie bräuchten, in ihnen selbst befindet, so wie auch die Betriebsanleitung eines Computers nur »irgendwo« in seinem internen Speicher zu finden ist.
Vielleicht ist die Analogie ja etwas gewagt und vereinfachend, aber sie ist durchaus anschaulich.
Natürlich können wir außerhalb unserer selbst danach suchen, was eventuell »nicht klappt« und »wie etwas geht«. Aber letztendlich müssen wir immer in unserem Inneren
graben, um Antworten zutage zu fördern, denn weit über unser bewusstes Gedächtnis hinaus existiert noch eines, das sorgfältig in unseren Tiefen verborgen ist. Es enthält unsere wichtigsten Schlüssel zu dem Wesen, das wir im Grunde
sind, und zu den wahren treibenden Kräften unserer Erfahrungen.
Zu existieren bedeutet nicht zu leben, denn zu leben bedeutet nicht, abgetrennt vom »Wie« und »Warum« zu schlafwandeln. Zu leben bedeutet im Gegenteil, einen Weg so besonnen wie möglich zu beschreiten – mit dem Willen zu wachsen.
Denn alles liegt genau darin … zu wachsen …, um nicht zu ertragen und dadurch immer kleiner zu werden.
© Daniel Meurois. Adaptierter Auszug aus dem Buch ¨Das Labyrinth unseres Karma¨. Silberschnur Verlag. Illustration Istock von einem nicht identifizierten Schöpfer.
