Fortsetzung von Kapitel 15
(…)
Er hört mir zu und seine Augen füllen sich mit Tränen.
“Ich bin noch nicht bereit, Marie … ”
“Ich verstehe dich. Ja, glaub mir, ich höre und ich verstehe dich. Manchmal frage ich mich sogar, ob es unter denen, die auf die ‘andere Seite wechseln’, jemals einen Menschen gibt, der bereit dafür ist. Mit dem, was ich während meiner Lebensaufgabe alles schon erlebt habe, würde ich sagen, dass sie es selten sind. Und bei dir kommt noch hinzu, dass du so plötzlich aus dem Leben geschieden bist! Aber glaubst du an Reinkarnation? Du siehst doch, dass du weiterlebst. Wenn das Licht sich – wie Arme – weit ausbreitet und öffnet, sollten wir uns in es hingeben, um nicht zu lange zwischen zwei Welten zu verweilen. Das ist besser so … Aber ich spüre in meinem Herzen auch, dass ich nicht das Recht habe, dir vorzuschreiben und zu sagen: ‚Du musst !‘ ”
“Ja … man geht, wenn man gehen will, Marie … in meinem Inneren weiß ich das auch. Aber ich habe um etwas mehr Zeit gebeten. Und ich werde sie mir nehmen.”
“Dann werde ich warten, bis du in deinem Rhythmus bereit dafür bist. Ich werde dir beistehen und dir meine Hilfe anbieten, bis du dich nicht länger mehr an die Erde gebunden fühlst. Vergiss nicht, dass ich neben meiner schriftstellerischen Tätigkeit den Seelen beim Übergang helfe und sie darin unterstütze, von einer Lebenswelt in eine andere hinüberzuwechseln.“
“Ja, das weiß ich … Man hat es mir gesagt.”
“Man?”
“Im Licht … in diesem intensiven Licht, wurde es mir gesagt. Dieses Licht, in dem erhabene Wesen leben, hat deinen Namen ausgesprochen. Es war, als hätte ich die Informationen, um dich kontaktieren zu können, zum Zeitpunkt meines Todes erhalten. Die Wesen sagten mir, dass wir uns von früher kennen und dass du die Fähigkeiten hast, meinen intensiven Schmerz zu lokalisieren und zu verstehen.”
“Das, was mir Sorgen bereitet, ist nicht die Zeit, die du verlangst, es ist die Anwesenheit anderer Seelen, die sich schon sehr lange hier aufhalten … so lange schon, dass sie regelrecht erstarrt sind. Aber sie sind nicht so sanft und friedlich wie du. Ich möchte nicht, dass sie deine Entwicklung verlangsamen, indem sie dich noch mehr an diesen Ort binden.”
“Ich sehe sie manchmal … Ja, ich habe sie gesehen. Weißt du, ich habe sie sogar schon lange vor meinem Herzinfarkt wahrgenommen. Jetzt nehme ich sie noch mehr wahr. Aber ich bin nicht wie sie. Sie sind nicht in meiner Welt … sie scheinen aus einem ‘anderen Ort’ zu kommen. Ich werde bald für immer von hier fortgehen. Aber zuvor werde ich meine Dinge regeln. Ich muss ein paar Wunden heilen.”
“Es gibt also Dinge, die dich verletzt haben?”
“Ja … teilweise bin ich verletzt wegen der Art und Weise, wie man meinen Körper beerdigt hat. Ohne groß darüber nachzudenken, hatte ich eines Tages in Erwägung gezogen, mich verbrennen und meine Asche verstreuen zu lassen … Letzten Endes glaube ich, dass ich diese Entscheidung ein wenig leichtfertig getroffen habe und ich vor allem nicht daran dachte, dass ich auf diese Weise sterben würde. Das tut mir weh. Es tut mir auch weh, was ich als eine Form der Gleichgültigkeit empfinde, wenn auch dieses Wort wahrscheinlich nicht ganz zutrifft. Vielleicht habe ich mir eingebildet, dass ich mehr geliebt werde … Ich bin bekümmert, sogar enttäuscht, sehen zu müssen, wie mein ganzer Elan völlig dahin ist … Ich war in der Filmwelt gerade dabei, Anerkennung zu finden. Ich hatte noch so viel Arbeit vor mir, aber mein Leben hat so abrupt geendet!
Das Drehen von Filmen hat mein ganzes Leben eingenommen! Ich wurde in einer Familie mit bescheidenen Verhältnissen hineingeboren und alles, was ich aufgebaut habe, habe ich mit meinem Herzen gemacht. Ich war immer mit ganzem Herzen bei der Sache! Und es hat zu meinem Durchbruch geführt … außer, dass ich noch längst nicht fertig mit allem war. Hör zu, es ist noch nicht so lange her, dass ich an diesem Ort hier gestorben bin. Ich habe das Gefühl, dass ich schon fast vergessen bin. Nicht einmal eine Gedenktafel mit meinem Namen befindet sich an der Stelle, an der etwas von meiner Asche verstreut wurde. Ich fühle mich wie ausradiert, ich bin ganz verschwunden … Ich wusste nicht, dass das so wehtun kann.”
“Das kann ich mir vorstellen … Du fühlst sicher einen Mangel an Dankbarkeit? … Alles im Leben dreht sich darum, dass wir uns mit dem Körper identifizieren.”
“Ja … ich denke, das ist es auch, was das Sterben ausmacht. Sterben bedeutet, sich selbst auszulöschen, alles zurückzulassen … Man hält sich immer für unersetzlich, auch wenn man es in Wirklichkeit nicht ist … Ich weiß, dass das Leben für all jene weitergeht, die mit der Vergangenheit abgeschlossen haben. Es ist nicht der Stolz in mir, der dir das sagt. Es ist meine Seele, die sich daran erinnert, dass mir das auch in anderen Leben passiert ist. Alles scheint sich ständig zu wiederholen: In dem Moment, in dem mir alles gelingt … sterbe ich! Muss ich etwa lernen, ein Niemand zu sein?”
Auch meine Seele vergoss Tränen. Ich spürte die Traurigkeit seiner Seele, wusste aber, dass ich mich nicht davon überwältigen lassen durfte, da ich sonst abrupt in meinen physischen Körper zurückgezogen worden wäre.
“Du weißt doch selbst, dass du alles andere als ein Niemand bist … Du hast ja keine Ahnung! Von deinen Filmen kannte ich, außer einem, keinen deiner anderen Filme wirklich … Also habe ich mich voller Vorfreude auf sie gestürzt … Welch ein Glück das war!”
“Ich glaube … wir hätten ein Drehbuch über Seelen schreiben sollen, die sich in einer misslichen Lage befinden … Aber da du selber noch schreibst, wirst du meine Geschichte erzählen?”
Es ist das erste Mal, dass ich eine Seele begleite, die innerlich so intensiv leidet. Ich bitte meinen Freund, den ‘Leidenschaftlichen’, sich nicht von den festgefahrenen Wesenheiten in ‘seinem’ Haus gefangen nehmen zu lassen. Dann rate ich ihm, sich mehr in dem rosa Hologramm aufzuhalten, das er sich gleich nach seinem Übergang ins Jenseits geschaffen hat. Im selben Zuge schlage ich ihm vor, es nach Belieben zu verändern … Es ist wichtig, dass er sich dort ausruht, um anschließend wieder zu seiner kreativen Leidenschaft zurückzufinden.
Das Schwierigste an einem irdischen Tod ist es nicht, Zutrauen zu der neuen Welt zu gewinnen, sondern das Zurücklassen dessen, was man am meisten geliebt hat. Es ist normal, sein einstiges Leben zu vermissen … aber es ist schmerzhaft, sich an die vergangenen Inszenierungen einer Zeit zu klammern, deren einziges Drehbuch darauf abzielt, uns wachsen zu lassen.
Und dann, eben in dem Moment, als ich einem Ruf meines Freundes, des Künstlers im Unsichtbaren, gefolgt bin, nehme ich sogleich die weibliche Präsenz einer älteren Frau wahr. Es ist eine weiße Gestalt, deren pulsierende Silhouette unauffällig im Halbdunkel steht. Ich habe den Eindruck, dass sie sich auf mich zubewegt.
“Das ist meine Mutter … ich habe sehr viel gelitten, als sie verstorben ist! Sie sorgt sich um mich.”
Eine weiße Aura, die sich ausbreitet, umgibt die Gestalt. Ein Flüstern scheint von ihr auszugehen, das ich sofort empfange. Sie versichert mir, dass auch sie ihre Hilfe anbieten möchte … Ich will Mutter und Sohn unbedingt allein lassen.
Aber was passiert jetzt? Ich befinde mich nun mit dem Rücken zu dem Sessel, während mein Freund aus dem Unsichtbaren noch immer dort sitzt. Er ist hier, wo ich ihn normalerweise sitzend vorfinde … in diesem grau-weiß getönten Sessel im Zentrum dieses Hauses, von dem ‘seine Schleuse’ auszugehen scheint. Es ist ein Ort, den ich nicht länger mit seiner Seele in Verbindung bringen möchte.
Ich bewege mich auf den Ausgang zu …
“Ich werde dich jetzt allein lassen. Für den Moment ist es besser so. Bis bald. Versuch aber, hier nicht länger zu bleiben. Denn dieser Ort bewirkt, dass eine neblige und graue Atmosphäre sich in dir ausbreitet … Lege ein paar rosa Farbtöne auf. Vielleicht hilft dir das.”
Ich sende ihm innerlich mit meiner Hand einen Abschiedsgruß zu, aber ich spüre, dass er jetzt hinter mir steht und sich auf die gleiche Weise von mir verabschiedet. Es ist von großer Statur! Ich hatte ihn für kleiner gehalten …
Von nun an ist es in der Gegenwart, in der ich alles erlebe. Ich halte mich wieder einmal in seiner trüben Schleuse auf … in diesem Haus, das nicht mehr seines ist. Diese Zwischenwelt befindet sich viel zu nah an der Erde, und eigentlich bin ich es überdrüssig, hier zu sein. Aber ich hatte geglaubt, hier seinen Ruf zu hören. Ich warte … Er ist nicht da. Er ist nicht mehr da.
Dann fühle ich mich plötzlich in einen Sog hineingezogen und finde mich in einem unbekannten Raum wieder. Ich erblicke einen grünen Rasen und ein großes Wohnhaus aus weißen Steinen, überall sind Blumen … Ich gehe weiter und stoße die Tür auf … Ich sehe Menschen, die den Anweisungen eines Mannes in einem roten T-Shirt folgen, der eine Kamera auf seiner Schulter trägt. Niemand scheint mich zu sehen. Ich stehe da, in der Mitte dieses Umfelds, und stelle dann ein wenig überrascht fest, dass ich für alle unsichtbar bin. Keiner kann mich sehen, außer ihm, der alles lenkt und leitet und der mich schließlich ansieht und mir sein übliches kleines Lächeln schenkt. Alles hier fühlt sich federleicht an. Die Bühne scheint zu schweben … Wie gut das ist!
“Warte auf mich, Marie! Es gibt keinen Galasaal mehr … Wie du siehst, habe ich beschlossen, wieder zu arbeiten. Ich habe wieder angefangen zu drehen!”
Aber alles befindet sich hier in einem ständigen Wandel … Die Umgebung hat sich gerade wieder verändert und ich finde mich in einem weißen Raum wieder. Die Tür geht auf und er kommt herein, ganz in weiß gekleidet. Er trägt eine Leinenhose und ein T-Shirt, beide gleichermaßen in einem makellosen Weiß …
“Suchst du den Ausgang?”, fragt er mich, während er lächelt. “Du musst dich in allen Szenen und Einstellungen verlieren, die ich vor dir entrolle … denn ich muss verschiedene Einstellungen vornehmen, wenn ich Filme drehe. Hast du meinen Platz in meinem Wohnzimmer gesehen, vor einigen … mhm, ich weiß nicht mehr genau wann? Schau mal, es fallen dort Lichtstrahlen hinein … Das Wohnzimmer verändert sich! Ich begebe mich noch immer dorthin, aber ich bleibe nicht mehr so lange dort. Ich habe immer noch dieses Bedürfnis, es aufzusuchen, doch mit dem Unterschied, dass etwas passiert sein muss. Ich fühle mich lebendiger! Ich möchte atmen und das, was mich an die Vergangenheit bindet, zurücklassen! Mein ‘Rucksack’ ist mir zu schwer geworden, … zu schwer, um ihn weiter mitzuschleppen. Er lässt ein Gefühl der Bitterkeit in mir hochkommen. Daher habe ich beschlossen, ihn abzusetzen.”
Oh, wie schwer ist es – in solchen Momenten außerhalb jeglicher Orientierungspunkte –, dem ‘Leidenschaftlichen’ gegenüber innerlich gefestigt zu bleiben! Ich habe das Gefühl, einen Schleier beiseite zu ziehen und erblicke das Hologramm, das er sich geschaffen hat. Ich werfe ‘von unten’ einen Blick darauf. Tatsächlich erscheint dort nichts mehr so trostlos wie einst. Es ist hell dort und mir scheint, dass die Wände des Wohnzimmers Risse bekommen haben und beginnen, zusammenzustürzen. Es ist, wie wenn sie den Schatten und die Dunkelheit darin verscheuchen wollten.
Ich spüre jedoch, dass mein Körper mich zurückruft … Ich schwanke hin und her, mir wird übel. Aber er, mein Freund zwischen zwei Welten, hat es sofort geahnt und kommt mit voller Geschwindigkeit hinter mir her, als wolle er mich mit seinen Armen festhalten.
“Nein, warte … Ich verstehe, was du mir sagen willst. Aber ich habe noch nicht alles in mir gelöst und bereinigt. Ich habe wieder mit dem Drehen von Filmen angefangen. Ich bin wieder kreativ tätig geworden, weil du mich in gewisser Weise aus meinem Schlaf aufgerüttelt hast … aber da ist noch eine letzte Tür in mir, die ich noch öffnen muss. Doch vielleicht bin ich zu leidenschaftlich, um nur in einer einzigen Welt zu leben …”
Ein weiterer Wirbelwind, ich weiß nicht von woher, hatte uns mitgerissen und schon befanden wir uns beide in einem langen Korridor … Seine Hand liegt auf meiner Schulter und er schenkt mir ein echtes Lächeln. Es macht mich glücklich, ihn so zu sehen … mit dem Gesichtsausdruck von jemandem, der sich aus seinem Gefängnis befreit hat! Es ist so erfüllend, ihm dabei zuzusehen, wie er Schritte – lebendige Schritte – in einem aus Licht gewebten Körper macht!
“Wir werden uns doch wiedersehen, oder?”, ruft er mir schließlich zu.
Ich betrachte seine große, durchscheinende Silhouette am Ende des Korridors. Seine Augen nehmen noch mehr die Farbe des Himmels an … Er öffnet die Tür … und schon ist er verschwunden. Ich weiß nicht, wohin genau, aber so etwas stellt man nicht in Frage.
Oh, welch ein Wirbel mich ergreift! Es ist mein Körper, der sich beschwert und von Übelkeit geplagt wird, während meine Seele sich darüber freut, welche Möglichkeiten sich dem ‘Leidenschaftlichen’ noch auftun werden.
Ich weiß sehr wohl, dass es noch mehr zu tun gibt, aber … so gestaltet sich nun einmal das Leben der Seelenbegleiter und Seelenbegleiterinnen. Es ist mein Lebensinhalt, meine Verpflichtung … stets darauf zu achten, dass den Seelen bis zum Ende geholfen wird.
© Marie-Johanne Croteau: Einblicke in die unsichtbare Welt. Begegnungen mit dem Jenseits und seinen Erscheinungsformen. 256 Seiten, Silberschnur Verlag. ISBN 978-3-96933-092-0
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