Es scheint so, als ob alle Welt nach Liebe strebt, nach gesteigertem Wohlbefinden, kurz, einem Mehr an Sanftmut und Harmonie. Gut möglich – und ich glaube sogar, dass dem tatsächlich so ist. Das hindert allerdings so manch einen unter uns nicht daran, in schöner Regelmäßigkeit ein erkleckliches Maß an Gedankenlosigkeit und mangelnder Logik an den Tag zu legen.

Wie viele andere auch höre ich hin und wieder Radio und blättere in Zeitschriften. Häufig zieht dann die Rubrik „Veranstaltungen“ meine besondere Aufmerksamkeit auf sich, denn die Kunst und das Schöpferische berühren mich. Es ist nun gar nicht so lange her, dass ein Kolumnist bei mir einen Nerv getroffen hat – ehrlich gesagt schon zum xten Mal seit Jahresbeginn.

– „Ja, wenn man denn unbedingt will, dann kann man sich diesen Film anschauen“, so die hochtrabende Aussage. „Nichtsdestotrotz ist er ermüdend mit all seinen erhabenen Gefühlen. Zudem kommen die Bilder mit voller Absicht allzu hübsch daher … so ein bisschen im Stile von ‚National Geographic‘. Mögen sich doch die Disney-Liebhaber damit abgeben! Ich für meinen Teil erzähle Ihnen lieber etwas über den allerneuesten Spielfilm, der uns von der anderen Seite des Atlantiks erreicht hat – ein wahrhaft beißendes Porträt!“

– „Na gut, mein Herr,“ hätte ich ihm dann gerne umgehend entgegnet, „jeder hat so seinen eigenen Geschmack und sein Empfinden! Dennoch müssen Sie mir das mal erklären – bereitet Ihnen alles Schöne dermaßen Unbehagen? Ist ihnen das Gute unangenehm? Was daran erschreckt sie? Ist Ihnen die Idee so zuwider, man könne eine Seele oder ein Bewusstsein besitzen, die sich auf die Suche nach neuen Horizonten aufmacht? Sollte dies tatsächlich der Fall sein, so würde ich gerne wissen, warum …

Warum eigentlich sollte man Ihrer Meinung nach den Blick abwenden, wann immer es darum geht, unserem Leben eine andere Dimension jenseits seiner alltäglichen Aggressivität zu verleihen? Warum müssen all jenen, die Hoffnung säen, die Flügel gestutzt und der Schwung derjenigen ausgebremst werden, die den Versuch unternehmen, von der Liebe anders zu sprechen als in Worten von Dominanz, Eifersucht und Vergeltung?

Sollten Sie hierauf eine aufrichtige und stimmige Antwort haben – ich würde sie gerne hören …

Oh, ich weiß, dass Sie nicht der einzige sind, dem ein spöttisches Lächeln um die Lippen spielt oder der ein paar Giftpfeile abschießt, sobald ein neues Werk erscheint, das unseren Horizont erhellt. Sie gehen hier sogar vollkommen mit der Mode – überhaupt nicht originell! Es ist nun mal so – heutzutage gehört es in bestimmten Kreisen eher zum guten Ton, das, was herabwürdigt und nach unten zieht, mit Lobeshymnen zu überschütten. Es ist zu einer Art von Snobismus geworden, das Hässliche, das Gewaltsame und Unharmonische zu mögen – weil es vermeintlich ganz einfach reifer und realistischer daherkommt als der ganze Rest.

Wissen Sie, Herr Redakteur, das Problem ist aber, dass Ihr Berufsstand ihnen eine Verantwortung auferlegt. Sie prägen Meinungen, und über diese Meinungen hinausgehend formen sie Denkweisen. Indem Sie sich aus ihrer aktuellen Befindlichkeit heraus äußern, und damit einhergehend, wenn auch unbewusst, aus ihren eigenen Ängsten schöpfen, säen sie Zukünftiges für die anderen. Und wie sähe sie wohl aus, diese Zukunft?

Was mich angeht, möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich keinerlei Bereitschaft in mir verspüre, des Schönen und Guten überdrüssig zu werden. Was für Perspektiven könnten sie unserer Welt eröffnen, fände man für sie nur ein paar Fürsprecher mehr! Mir solcherlei Ausblicke auszumalen werde ich, wie viele andere auch, nicht müde, allen Statistiken zum Trotz.

Selbstverständlich geht es mir hier nicht um diesen wohlfeilen emotionalen Zuckerguss, der sich so häufig großzügig über unsere Bildschirme ergießt. Mich dürstet es nach den wahren Gefühlen und den großen Idealen, durch die unsere Seele daran erinnert wird, dass es sie gibt.

Und das soll als naiv oder träumerisch gelten?

Immerhin, wenn es Ihnen Freude macht, möchte ich solcherlei Attribute gerne akzeptieren, denn unweigerlich sind es immer die ‘verrückten‘ Hoffnungen und ‚unvernünftigen‘ Visionen gewesen, aus denen heraus sich die allerschönsten Dinge erfüllt haben.

Nun gut, ich träume also? Mag sein! Aber gerade durch den Traum nimmt künftiges Werden erste Gestalt an, das sollten wir nie vergessen!“

Daniel Meurois