10. Kapitel: Die sieben Dämonen
(…). Ich erinnere mich, dass ich mich bis zum Tag nach unserer Hochzeit eigentlich nie gefragt hatte, wie mein Leben an der Seite des Meisters überhaupt aussehen würde. Natürlich wusste ich, dass Er viel reiste, um das zu lehren, was Er ganz einfach “das Geheimnis des Herzens” nannte. Er hatte mir auch gesagt, dass Er so viel wie möglich an den Ufern des Sees unterwegs sein wolle. Er liebte die Menschen und die Farbe des Himmels in dieser Gegend.
Das waren schöne Aussichten für mich, und auch etwas ganz Selbstverständliches, war es doch die einzige Gegend, die ich gut kannte. Die Ufer des Sees – das war zunächst einmal mein Haus in Migdel. Von nun an würde ich dort erhobenen Hauptes leben können, als Frau eines Rabbis … Das war eine kleine Revanche denen gegenüber, die mit dem Finger auf mich gezeigt hatten, wie auf eine seelisch Aussätzige. Ein Rabbi, selbst wenn Er in den Augen von einigen Leuten aufgrund seiner Freizügigkeit leicht suspekt war, war doch noch immer ein Rabbi …
Und außerdem … wenn Jeshua mich an seiner Seite akzeptierte, würde es nicht schwer sein. Das machte mich nur umso glücklicher. Die Anforderungen, die von seiner inneren Sonne ausgingen, hatten meine Seele vom ersten Moment an völlig verändert. Einem solchen Anspruch war ich bereit, alles zu geben, damit er sein Werk vollbringen konnte. Doch wie gesagt, es war alles so schnell und so leicht gegangen, dass mir die Dimension des Gebirges, das ich erklimmen musste, nicht bewusst war. (…).
Mir war völlig klar, dass ich einen Mann geheiratet hatte, den einige bereits für einen Propheten hielten. Davon war ich begeistert und dem Allmächtigen auch dankbar dafür. Doch etwas in mir sträubte sich immer wieder dagegen. Das entzog sich meiner Kontrolle.
Es fiel mir schwer, in einer Gruppe zu leben und mich stets voll und ganz Jeshuas Entscheidungen zu unterwerfen, die sich manchmal von einer Stunde auf die andere änderten …
Also lehnte ich mich auf, warf es mir aber gleich wieder vor und versuchte dann an seiner Seite zu beten, um mich von meinem Starrsinn reinzuwaschen.
Eines Nachts, als wir in der Nähe von Bethsaida mit ein paar Schäfern im Zelt schliefen, wurde ich plötzlich von Angst gepackt. Ich weckte meinen Mann. Er verstand sofort, dass ich das Bedürfnis hatte, mit Ihm zu sprechen und schlug vor, im Mondlicht ein paar Schritte zu gehen. Da öffnete ich Ihm so gut ich konnte meine Seele.
Natürlich hatte Er längst alles darin gelesen! Er kannte mein Feuer und seine Widersprüchlichkeiten. Schließlich setzten wir uns auf einen alten Baumstumpf und da bat Er mich, ihm genau zuzuhören.
“Meine kleine Schwester, Miriam … Der Vater hat mir vom ersten Tag an alle Winkel Deiner Seele gezeigt. Ich habe dich für all das geheiratet, was du fähig bist, dem Leben zu geben, das weißt du … Was du vielleicht noch nicht weißt ist, was das alles beinhaltet.
Wie jedes menschliche Wesen bist du ein Universum. Du hast deine Sonnen, deine Monde, deine Sterne und ihre Konstellationen. Jedes der Gestirne, aus denen du gemacht bist, hat seine Geschichte, die sich im Dunkel der Zeiten verliert. Und so liegen in dir Tausende und Abertausende von Erinnerungen verborgen, ein Ozean an Geheimnissen, von dem du nicht einmal weißt, dass es ihn gibt. Er ist die Quelle deiner inneren Reichtümer … aber auch deiner Leiden. Diese haben sich angehäuft, weißt du, und an deinen inneren Stränden Riffe gebildet. Das sind Unebenheiten, die für dich meist gesichtslos bleiben und deren Ursprung du nicht fassen kannst.
Damit du alle Frauen zugleich sein kannst, werde ich sie für dich wahrnehmbar machen. Dann kannst du ihnen ins Gesicht sehen und sie auflösen … Doch ich werde das nur tun, wenn ich die Zustimmung deines Herzens bekomme, denn Klarheit kann man niemandem aufzwingen. Man lädt sie gleichsam aus der eigenen Mitte heraus ein, wenn man bereit ist, sich selbst zu erkennen und sich rückhaltlos hinzugeben … In Wahrheit aber sollst du nicht einfach aus einer momentanen Regung des Herzens heraus zustimmen … Denn alles was existiert, muss, bevor es zum Rubinrot erhoben wird, durch die Schwärze des Verglühens gehen. Damit die Seele den Geist in sich erkennt, muss sie zunächst ihren eigenen Zerfall vor Augen haben.”
“Oh, Rabouni … du kündigst mir also die Zerstörung meiner Seele an? Ich bin heute schon am Tiefpunkt meiner Kräfte. Warum zeigst du mir da eine solche Schwelle, die ich überschreiten soll? Genügt es nicht, wenn meine Weisheit täglich etwas größer wird, indem ich Tag für Tag deine Worte ein wenig besser verstehe? Bin ich denn so unrein, dass du von der Vernichtung meiner Seele sprechen musst?” (…).
Es kam mir unendlich grausam vor, denn ich war weit davon entfernt zu verstehen (…), dass es Stunden im Leben gibt, in denen man das Gefühl des Untergangs und der Verzweiflung erleben muss, um sie zu überwinden und aus sich selbst neue Kraft und neuen Lebensodem zu schöpfen. Es war wie eine Wand. Ich konnte es weder akzeptieren noch verstehen. Doch dann ereignete sich ein Moment des völligen Loslassens, als sei eine Schale, die mich umschlossen hatte, zerbrochen. Jeshua muss es sofort bemerkt haben. Es war genau das Zeichen meiner Seele, auf das Er gewartet hatte, denn sogleich nahm Er meine Hand in seine.
“Siehst du, meine Liebste, in jedem menschlichen Wesen schlummern ‘gefrorene Erinnerungen’. Sie gleichen unbewussten Gedanken, die im Unsichtbaren kreisen. Es sind eine Art Schlacken, die von Anbeginn in jedem von uns eine Art hinterhältiges Eigenleben führen. Du kannst dir das vorstellen wie Schmutz, der sich Tag für Tag unter deinen Fingernägeln ansammelt, den du aber nicht einmal siehst, weil dir der rechte Blick dafür fehlt. Ich meine nicht die Irrtümer und Fehler, die aus alten Zeiten stammen, aus anderen Inkarnationen. An ihnen arbeitet jeder unvermeidlich, um ihre Last leichter zu machen.
Ich spreche vom Keim, der diese Irrtümer ausgelöst hat. Er hat sieben Gesichter, die er wie sieben Masken trägt und diese halten die Trennung aufrecht. Und es sind auch die sieben Welten, die jede Seele über lange Zeiträume hinweg besucht. Hab keine Angst … ich halte so deine Hand, weil ich dich durch das führen möchte, was von ihnen in dir übrig ist. Es geht darum, die letzten Reste davon aufzulösen, denn sie zwingen dich, eh du es bemerkst, zu unnötigen Ängsten und ermüdenden Gesten des Kampfes.”
“Rabouni …”, höre ich mich noch leise zu Ihm sagen, während ich meinen Kopf an seine Schulter legte, “Rabouni … wirst du mich heilen?”
“Ich werde dich dir zurückgeben … und du wirst selbst über die Kraft entscheiden, die du deiner neuen Freiheit geben willst. Du wirst danach verlangen, die Frau in dir zu ergreifen.
Also in Wahrheit werde ich ab morgen sieben Dämonen aus dir austreiben …” (…).
“Es gibt sieben Dämonen in mir, Meister?”
“Wie in jedem menschlichen Wesen, Miriam … aber nicht so, wie du dir das vorstellst. Die sieben Dämonen, die ich meine, sind die Reste von sieben Arten des Leidens. Es sind die Spuren der sieben inneren Welten, die dein Bewusstsein im Verlauf seines Lebens durchquert hat. Sieben ‘gefrorene Erinnerungen’, die deine Seele daran hindern, sich aufzulösen, um deinem Geist Platz zu machen.”
(…). Ja … ich spürte, dass da ‘gefrorene Erinnerungen’ waren, in meinem Kopf, in meinem Herzen und auch in meinem Körper! Sie kamen manchmal hoch wie alte Spannungen und Überlebensreflexe aus der Tiefe der Zeiten … unkontrollierbare Reminiszenzen der einst, in uralten Zeiten durchquerten Gebiete.
“Möchtest du die Namen der sieben Dämonen wissen?”
Ich sagte ‘ja’ ohne zu zögern, überzeugt, dass ich nun endlich wieder Luft bekommen würden.
“Der erste heißt ‘Finsternis’, der zweite ‘Begehren’. Dann kommt ‘Unwissenheit’, gefolgt von ‘Gift der Macht’, der fünfte heißt ‘Gefängnis des Leibes’, der sechste ‘trunkene Weisheit’ und der siebte ‘Zorn der Weisheit’.
Nur der erste ist eine Art Schlafzustand. Er ist am hinterhältigsten. Ihn zu durchlaufen dauert am längsten. Es ist eine endlose Ebene. Du wirst sie mit mir gemeinsam wieder durchleben … bis an den Übergang zur zweiten Pforte der Seele, denn mit dem Auftreten des Dämons der Begierde beginnt der Aufstieg und du wirst den Sinn all dessen begreifen …”
(…). Am nächsten Tag verließen wir gegen Abend das kleine Lager der Schäfer und die Gruppe der Leute, die dem Meister auf Schritt und Tritt folgten. Ich habe noch im Ohr, wie Thomas, Simon, Levi und die anderen ihre Enttäuschung zum Ausdruck brachten! Den ganzen Tag über hatten sie zugehört, wie Jeshua zu den Fischern und der immer größer werdenden Menge, die sich am Ufer des Sees drängte, sprach … aber offensichtlich reichte es ihnen noch nicht. Das konnte ich gut verstehen. Auch mir war es noch nicht genug, selbst wenn ich immer wieder das Gefühl einer “Überfülle” erlebt hatte.
Vielleicht hätte ich eher einen Tag der Ruhe und des Schweigens gebraucht, als unmittelbar dem prallen Licht des Geistes ausgesetzt zu sein, denn als der Meister mich beiseitenahm, gingen mir noch so viele Worte durch den Kopf, dass ich mich fragte, ob ich in der Lage sein würde, den sieben Dämonen zu begegnen, die er aufgezählt hatte. Und so begann ich, aus einer Art innerer Kälte heraus, zu zittern …
Unter dem langsam aufgehenden Mond, führte der Meister mich zu einem großen, flachen Stein, den Er zu kennen schien. Inmitten eines Tales lag er abseits aller Wege umsäumt von Lorbeer einsam da. Sobald er, unter Gras und Kräutern fast vergraben, zum Vorschein kam, erklärte Jeshua mir, dass die Vorfahren unseres Volkes hier Gottesdienste abgehalten hatten.
“Du musst dich nun auf ihn legen, Miriam. Keine Angst …”
Wie Jeshua es verlangte, legte ich mich auf den Stein, ohne Fragen zu stellen. Er war glatt, wie poliert und eigentümlich warm. Ich wollte nicht nachdenken … so schloss ich sofort die Augen und gab mich ganz hin.
Am Rascheln seiner Schritte durchs Gebüsch und am Geräusch seines Atems hörte ich, dass der Meister sich neben meinen Kopf stellte. Er begann sogleich mit leiser Stimme rituelle Worte zu sprechen, die ich nicht verstand, weil sie nicht in unserer Sprache waren. Dann legte sich seine Hand sanft auf meine Stirn und sogleich fühlte ich, wie ich in einen Abgrund stürzte. Ich muss wohl aufgeschrien haben, glaube ich … doch das Gefühl zu fallen hörte gleich wieder auf. Nun befand ich mich in einem unbestimmten Raum, in dem ich aufrecht zu stehen schien. Vor mir öffnete sich, wie eine Tür, ein großer Feuerkreis.
“Geh nach vorne … Tritt durch die Flammen!”
Jeshuas Stimme war in mich eingedrungen und kam nun aus meinem Inneren. Ohne die geringste Angst hörte ich auf sie und hatte binnen eines kurzen Augenblicks das Flammentor durchschritten.
“Schau”, fuhr sie fort … “Das bist du, das ist deine Seele, als sie einst eine zeitlose Ebene ohne Horizont durchlief.”
Vor mir wandte eine weibliche Gestalt mir den Rücken zu – doch es war zweifellos ich selbst. Ein Teil meines Blicks und meines Denkens waren in ihr. Anders kann ich es nicht sagen.
“Schau noch genauer hin …”, sagte die Stimme nun. “Siehst du all die Wiesen und Felder, all das Ackerland, das sich so unendlich um dich herum ausbreitet? Es liegen alle Farben darin und jede Farbe spiegelt eine Facette deiner Seele wieder, des Zustandes der Verführung, von dem du dich hast einkerkern lassen. Wie alle Wesen, die sich auf dem Weg zum Menschlichen befinden, wolltest du so viele Dinge ausprobieren. Das Freiheitsgefühl der Seele, die sich all der Rollen, die sie spielt und all der Gefühle, die sie haben kann, bewusst wird, ist ja so etwas Tolles!
Eine Vielzahl verschiedener Gelüste erblühen zu lassen, Leben um Leben hinter verschiedenen Masken zu verbringen, immer und immer weiter, bis ins Unendliche … das ist faszinierend.
Sicher, manche tun weh … doch man hängt an allem, sogar am Teufelskreis, in dem man gefangen ist … an dem besonders!
Weil es eben unser Kreis ist, weil man nicht will, dass es irgendetwas anderes außer ihm gibt.
Seele von Miriam … Du hast dies Gefängnis geliebt … Du hast die Serie deiner sinnlosen Leben geliebt, weil der Schlafzustand “leicht zu leben” ist, weil Unwissenheit, die nicht weiß, dass sie Unwissenheit ist, bequem ist. Die Abwesenheit eines Horizonts kann selbst zu einem Horizont werden.
Wie Deinesgleichen hast du dich an die bloße Schwere der Dinge und Wesen gehalten, Miriams Seele. Endlose Zeiten lang hast du dich daran geklammert und dich dabei als Seele selbst verleugnet, Zeiten, die flach waren, wie diese Ebene, und hast dabei alle Nuancen der Bindung an Nichts durchlaufen … an Nichts, außer an deine eigenen, von allem anderen abgeschnittenen Gedanken.
Doch in Wahrheit hast du die Freiheit gebraucht, dieses Gefängnis des Nichts zu durchlaufen und auch noch zu lieben, denn die Bindung an eine Gefangenschaft, die man sich erfindet, setzt einen großen und wichtigen Lernprozess in Gang:
Der Stolz bringt dem Sein bei, nur den Schatten zu sehen, den es auf den Boden wirft. Dieser Schatten ist die Trennung, eine Frucht der Freiheit. Das Lebendige in jedem Einzelnen muss sie unbedingt entdecken und bis zur Erschöpfung auspressen.
Du hast dich daran gelabt und satt gefressen, das kann ich dir sagen, bis hin zur Absurdität. Und so musste es auch sein. Das ging so lange, bis du doch einen Horizont entdeckt hast, den Horizont eines echten Begehrens, das weit über den engen Kreis wiederkehrender animalischer Gelüste hinausging. Es war die Begierde, etwas zu besitzen … und den Schatten, den du trugst, größer zu machen.
Erinnere dich. Du hast also im Inneren deines Bewusstseins endlich einen Weg entworfen, und, mit vom Staub des Schlafes und der Trägheit noch randvollen Taschen, die Gitterstäbe deines Gefängnisses aufgebogen. Nun musstest du in die Begierde eingeweiht werden … So hast du ein zweites Feuertor entdeckt.”
Die Stimme des Meisters verstummte in mir. Ich erinnere mich, dass ich nicht mehr wusste, wer ich war … Vielleicht war ich einfach nur ‘ich’, verloren im Unendlichen, eine Seele auf ihrer Pilgerfahrt durch hunderttausend Leben oder aber die gesamte Menschheit am Anfang ihrer Irrfahrten.
Eines war jedoch sehr auffällig: Ich hatte die Finsternisse eingesogen, ich kannte sie: Kein Leid, weil es auch kein Begehren gab … Nur so eine Art Erstarrung oder Taubheit, die aus der Abgeschnittenheit von allem entsteht … Eine kriechende Kraft! Ich begriff und durchlebte, was davon noch in mir übrig war.
Doch auf einmal erschien das zweite Flammentor vor mir, oder eben vor dem, was ich glaubte zu sein.
“Geh durch!”
Ich durchschritt es mit Leichtigkeit und erlebte nicht Angst, sondern das nackte Begehren. Wie soll ich ausdrücken, was ich da erfuhr? Da war nichts, keine Umgebung, kein Mensch, nichts … Nichts als ein grauenhaftes Gefühl des Mangels. Seltsamerweise hatte ich das Bedürfnis zu klettern. Es war, als müsse ich unbedingt irgendwo hinaufsteigen. Der Sog dieses Mangels wurde bald zu einem regelrechten Druck im Inneren dessen, was ich ‘den Bauch meiner Seele’ nennen würde.
Erneut glitt die Stimme des Meisters in meine Mitte.
“Schau noch genauer hin … Siehst du nicht diese ganzen Gesichter? Sie kommen von überall her. Es sind die Masken deiner vergangenen Begierden …”
Schon bald nahm ich sie wahr, all diese Masken. Manche waren schön, einige harmlos und unbedeutend, andere aber abscheulich, ganz fürchterlich. Es waren junge und alte Gesichter, sowohl von Männern, als auch von Frauen. Ich erkannte sie sogleich und nachdrücklich als ‘meine’. Ja, ich hatte sie alle bewohnt, hatte sie gespielt, das war gewiss.
“Hör zu, Miriam. Wie auch immer ihr Lächeln sein mag, die Gier ist hässlich … Und doch sollst du erkennen, dass sich hinter etwas Hässlichem ein Meister verbergen kann. Begehren ist nicht mehr schlafen. Es ist schon ein Schritt darüber hinaus, selbst wenn dieser wenig ruhmreich erscheinen mag. Die Masken und Welten der Gier bestehen darin, immer mehr zu begehren. Das soll dich nicht schockieren, denn ich sage dir, es ist notwendig, den Willen des Besitzens zu erlernen. Das Begehren, Besitz anzuhäufen, geht dem Begehren zu Sein zwangsläufig voraus.
Miriams Seele … wie jede Seele hast du also lange Zeit deine Gier nach Besitz befriedigt … Du hast Güter aller Art besessen, Ländereien, Schätze und Menschen. Auch Bewusstseinszustände hast du begehrt und sie dir zu eigen und nutzbar gemacht. All das, um dich ein bisschen mehr am Leben zu fühlen, dich stärker zu spüren, in der Hoffnung, dich nicht mehr so isoliert und leer zu fühlen, aber auch mit dem Willen, etwas in dir wachsen zu lassen.
Und wirklich hast du dies ‘Etwas’ wachsen lassen. Du hast innerlich einen Schritt gemacht. Du hast die Sackgasse ausgelotet, die in dem Reflex liegt, zu nehmen, dich zu bereichern und damit ‘größer machen’ zu wollen. Daher stellt die Welt des Begehrens nämlich auch eine immense Bewegung nach oben, zum Höheren, dar. Jede Seele muss lernen, der Welt zu danken, denn bevor sie in der Vielfalt und Fülle des Lichtes sein kann, muss sie in der Fülle der Materie das Haben erleben.
Miriams Seele, erkennst du in dir die letzten Spuren der Erinnerung an diesen Dämon und die Krallen, die er dir so oft verliehen hat?
Akzeptiere die Tugend, die er in dich gesät hat. Es ist das Bedürfnis aufzusteigen.”
(…). Wie ein Klotz am Bein schien etwas an meiner Seele zu hängen. Waren da etwa noch Spuren von Begehren? Die Antwort schoss in mich wie ein Geistesblitz: Ich begehrte die absolute Liebe, nicht nur die eines Mannes, sondern die aller Wesen … Es war eine Art krankhaftes Bedürfnis nach Anerkennung … Das wurde mir so klar! Es war so offensichtlich, dass die Stimme zu mir sagte:
“Begehre dich selbst und geh weiter!”
Ich horchte in mich hinein, forschte mich aus … und sah die Leere meiner Trennung von mir selbst. Ich enttarnte sie und ging weiter. Schon war ich dabei, ein drittes Feuertor zu durchschreiten. Ich spürte die Flammen. Sie besänftigten mich … Und dann war ich in einem ganz blauen Raum. Ich war auf einem Meer und trieb auf den Wellen.
“Miriams Seele, betrachte nun die Welt der Unwissenheit. Die Unwissenheit ist nicht nur ein Meer, sie ist ein Ozean, so groß ist sie. Dieser Ozean empfängt gerne alle, die sich auf ihm treiben lassen wollen. Ja … du hast richtig verstanden. Man navigiert hier nicht, man treibt bloß! Die Unwissenheit ist nicht der Ozean des Nicht-Wissens, sondern des Nicht-Wissen-Wollens. Sein wahrer Name ist ‘umhegte Unwissenheit’. Auch er ist die Frucht einer Begierde, nämlich der, nichts mehr wissen zu wollen.
Und warum will man nicht mehr weiter wachsen? Aus Angst natürlich, kleine Seele … aus Angst! Es ist die Angst, zu entdecken, wie tief man seit der Trennung gefallen ist, die Angst, das Ausmaß der Irrfahrt zu ermessen …
Schau genau hin! Entdeckst du zwischen den Wellentälern und Wellenbergen dieses Ozeans nicht Holzstücke oder alle möglichen Pflanzenteile?
Es gibt unendlich viele davon, sie sind so zahlreich wie die Sterne am Firmament. Es sind verschiedene menschliche Inkarnationen, deren verstreute Teile das Schiff, das sich bereits in ihnen abzeichnet, noch nicht wahrnehmen können.
Und ich sage dir, ein Teil von dir schwimmt noch unter ihnen. Du musst von seiner pflanzlichen Spur in dir genesen, denn es ist eine Spur der Unbeweglichkeit. Das Begehren, mit dem Strom zu schwimmen … das ist die Krankheit der Welt der umhegten Unwissenheit.
Die begehrte und kultivierte Unwissenheit möchte ein Zufluchtsort sein. Sie geht den Weg des geringsten Widerstandes. Sie hat es so entschieden, denn eines weiß sie doch: Jede Anstrengung ist ein Willensakt, aus ihm entspringt der Funke des Leidens.
Miriams Seele, sieh dir an, was von dir noch auf der Oberfläche des Wassers der umhegten Unwissenheit treibt und befrei dich davon. Und dann sollst du nie wieder Angst haben, wenn du dich dem Kontinent der Wahrheit näherst.
Es ist die Wahrheit, die den ‘Pflanzen’ mit menschlichem Antlitz Angst einjagt. Indem du deine Furcht vor der Höhe des Falls überwindest, werden dir Flügel wachsen. Ich sage dir, wer der Trennung ins Auge blickt, ebnet sich den Weg zurück. Er stiftet die Vereinigung, weil sein Stolz sich erschöpft. Daher will er auch nicht mehr wissen, was er vorgab zu wissen, um zu echter Erkenntnis zu gelangen.
Seele von Miriam, kleine Schwester, verlass den Panzer deiner Ängste. Schreck nicht mehr davor zurück, deine Schwächen und deinen Stolz einzugestehen. Denn die schlimmste Ignoranz liegt im Fehlen von Mut und der Anhäufung eitlen Wissens. Das ist die Krankheit deiner Menschheit … Heile sie in dir, gib dein Schutzschild auf und durchschreite dein viertes Feuerportal! So wird der Dämon der umhegten Unwissenheit ausgebrannt …”
(…). Das Wasser, auf dem ich die ganze Zeit hin- und hergeschaukelt worden war, begann zu sieden. Aus seinem verführerischen Blau stieg ein Dampf auf, der so dicht war, dass ich nichts mehr sah. Nichts! Außer da vorne, direkt vor den Augen meines Bewusstseins, die lodernden Flammen einer neuen Feuerschwelle. Ich erinnere mich, wie ich auf sie zuglitt und sie mit einem lauten Schrei durchschritt.
Nun befand ich mich … auf den steilen Hängen eines Gebirges. Hier war alles leuchtend rot und schneidend wie Korallen. Ein blutrotes Dekor, in dem ich sofort von einem heftigen Drang erfasst wurde, der mir sagte: Nach oben, steig hinauf! Und so begann ich einen Aufstieg, ohne Hände, ohne Arme, ohne Füße oder Beine, ja sogar ohne Körper … Ich war nur irgendetwas, das unbedingt auf alles hinaufklettern musste, waghalsig und furchtlos, um die Überlegenheit seiner Kraft zu beweisen. Es war unglaublich. Woher kam bloß dies alte, gebieterische Bedürfnis zu … herrschen?
Innerlich rief ich aus Leibeskräften den Meister zu Hilfe, denn ich hatte meinen Willen aufzusteigen in keiner Weise im Griff, versteht ihr. Natürlich war Er keinen Moment von meiner Seite gewichen. Seine Stimme war da, ‘im Inneren’ …
“Miriam, kleine Seele … Nun bist du in der Welt des Dämons Gift-der-Eifersucht. Dieser Dämon frisst das Herz der ‘Noch-Nicht-Menschlichen’ und trocknet ihr Leben aus. Er ist furchterregend, denn er dringt überall ein wie Gift. Man kann ihn nur verjagen, wenn man seine List durchschaut hat. Spürst du seine letzten Spuren in dir? Sie sind subtil … Man könnte sie für Brüder der Begierde halten, denn sie treiben einen voran, regen einen an, sich zu bewegen und immer mehr zu wollen … Und doch sage ich dir, Gift-der-Eifersucht ist nicht dasselbe wie Begierde. Die Begierde ist kriecherisch, sie häuft immer mehr an …
Er hingegen träumt ständig davon, aufzusteigen. Er will nicht etwa dicker werden, um sich seine Existenz zu beweisen. Im Gegenteil, um zu dominieren, reckt er sich immer weiter nach oben. Was ihn interessiert, ist Macht. Es ist der Raubvogel, der in jedem Wesen lauert. Erkenne die Reste seines Vogelkots in dir, Miriams Seele … Hab keine Angst, dir einzugestehen, dass sie da sind. Mit ihrem Auswurf ist der Weg jedes Bewusstseins gesprenkelt, das die Erinnerung wiederfinden will … aber noch immer nicht begriffen hat, dass Macht nicht Kraft ist.
Macht ist ein Taumel, ein Zustand der Trunkenheit, der von versteckter Not und Hilflosigkeit herrührt … Es ist jene Not, die aus einer undeutlichen Erinnerung an den ‘göttlichen Funken’ entspringt. Jeder sehnt sich seit Anbeginn nach diesem ‘göttlichen Funken’ …
Der Hunger nach Macht dauert so lange an, wie die Erinnerung an etwas ‘unendlich Größeres und Höheres’ allzu undeutlich ist. Kraft wird geboren, sobald diese Erinnerung einwilligt, das eigentliche Gedächtnis hervorzubringen … denn nur in diesem Gedächtnis kommt die Anwesenheit des Ewigen in einem selbst zum Ausdruck.
Verbrenne also die letzten Federn des uralten Raubvogels in dir, Seele von Miriam. Hör auf, die Götter zu beneiden. Nimm einfach deinen Teil des Erbes vom Ewigen, da wo es sich befindet … in deinem Herzen!
Der Berg, auf den du steigst, trennt dich von der Demut. Manche meinen, Demut sei kriecherisch, doch in Wahrheit ist sie es, die das Wesen des Menschen auf den höchsten Punkt seines Seins erhebt. Man muss den Kelch des Giftes-der-Eifersucht bis zum letzten Tropfen ausgetrunken haben, um ihre tödliche Eitelkeit zu erfassen.
Du hast es getrunken, dieses Gift, kleine Seele … und dein Wesen hat es schließlich verworfen, das habe ich gesehen. Erkenne nur an, dass es dich damals, zu seiner Zeit, vergiftet hat, so wird jede Spur davon in dir verdampfen, restlos und für immer.”
Als der Meister diese Worte zu Ende gesprochen hatte, sah ich mich plötzlich auf dem Gipfel des roten Berges stehen. Jedoch (…) was ich da sah, war keineswegs ein Gebirgspanorama. Vielmehr erhob sich direkt neben mir das fünfte Feuertor. Es brannte noch heller als die anderen. Ich weiß nicht warum, aber ich durchquerte es, ohne auf die Stimme des Meisters zu warten. Ich musste es einfach tun! Ich spürte seine Feuerzungen, die mich diesmal fast verbrannten. Und da stürzte sich der fünfte Dämon auf meine ‘nicht vorhandene Gestalt’.
“Weißt du, woraus deine Sehnsucht, deine Langeweile und Not in Wahrheit gemacht sind? Sie kommen davon, dass du das Leben, das dir geschenkt war, nicht voll auskosten konntest! Wozu solltest du die Welt, in der du stehst, denn bekommen haben, wenn nicht, um darin zu wohnen.” Die Stimme war angriffslustig, doch gleichzeitig lag in ihr etwas Tröstliches, etwas Bestärkendes. Alles klang so klar und einfach. Zum Glück rüttelte mich Jeshuas Stimme auf und riss mich aus diesem einlullenden Wohlklang.
“Hier bist du im Universum des Gefängnisses des Fleischlichen, Seele von Miriam. Schau dir seine Windungen und Fallen genau an, geh in seinen Sackgassen spazieren!”
Ich ging weiter … da kam ein Bild zu mir. Es war das Bildnis meines nackten Körpers, wie von einem riesigen Spiegel wiedergegeben. Ich ging darauf zu, oder kam es auf mich zu, ich weiß nicht. Auf einmal klebte mein Gesicht an seinem. Ich sah nur noch seinen Blick, spürte nur noch seine seidige Haut und den Geschmack seiner Lippen auf meinen. Ich fand das gut, das muss ich zugeben, denn ich hatte das Gefühl, mich selbst zu lieben.
Es war eine faszinierende Entdeckung … Sich selbst lieben! Ich weiß noch, dass ich gedacht habe, ich wusste ja gar nicht, dass es so etwas gibt. Ich war so gefesselt von meinem Spiegelbild, dass ich völlig darin versank, etwa wie man sanft in eine vollkommen glatte Wasseroberfläche eindringt. Ein Gefühl des Aufblühens, der freien Entfaltung … ein aufsteigender Duft, ein schweres Parfum … Da war kein Dämon. Das war einfach ich mit mir, ich mit meinem Körper, den ich nun vollständig sehen konnte! Er war … ich! Er hatte Hunger, er hatte Durst, er hatte … Lust auf alles, was ein Körper verlangen kann. Er war ich und hielt die vage Erinnerung meiner Seele am Zügel. Meiner Seele? Was war das denn genau?
(…). Ich gab mich diesem Gefühl hin, als könne nichts anderes existieren. Es war wie ein wunderbarer Korb voller Früchte, deren betörende Aromen ich noch nicht ganz ausgekostet hatte. Ich bin sicher, dass ich getrunken, gegessen und geliebt habe …
“Geliebt?”
Die Stimme des Meisters fing mich in meinem ‘aufsteigenden Abstieg’ auf … “Miriams Seele … Du hast von Liebe gesprochen, aber liebst du wirklich in diesem Augenblick? Du füllst dich mit dir selbst. Was ist Liebe, sag es mir?”
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. In meinem Bewusstsein ging alles drunter und drüber.
“Lieben … heißt, sich davon zu befreien, was man zu sein glaubt, um den ganzen Raum dem reinen Leben zu überlassen, aus dem heraus wir geboren sind, frei und glücklich. Bist du frei und glücklich, Miriams Seele? Das frage ich dich. Du steckst in einem Gefängnis … Was du Liebe nennst ist nichts als Unterwerfung. Schau, öffne die Augen!”
Ich dachte, sie seien offen, aber ich sah nichts. Ich konnte mich nur noch durch jeden meiner Sinne erahnen. Durch sie hatte ich das Gefühl, ausgebreitet zu sein, völlig ausgedehnt.
“Das vollkommene Gefängnis, kleine Schwester, ist das, nach dem man verlangt, das, von dem man nicht einmal merkt, wie abhängig man davon ist, weil man so sehr darin aufgeht. Abhängigkeit … das ist es! Erinnerst du dich an die Zeit, als du und all die anderen euch mit eurem Bild verwechseln musstet, weil ihr existieren wolltet? Das Bild ist niemals schuld. Ein Spiegelbild ist eine Maske, eine Form, die wir spielen dürfen, um wachsen zu lernen. Im Übrigen ist gar nichts schuld. Alles existiert, um die geduldigen Samen des Geistes zu säen … Und der Geist ist Freiheit, siehst du … Eine Freiheit, die so frei ist, dass sie sich entschieden hat, durch das Gefängnis der Abhängigkeit zu gehen, um sich besser kennenzulernen. Und so, Seele von Miriam, lässt das Gefängnis der Leiblichkeit dich alle körperlichen Lüste ausschöpfen, all diese Lehrmeister in der Kunst, subtile Kerker zu errichten. Ihre Kunstfertigkeit geht so weit, dass sie imstande sind, dich dazu zu bringen, dich mit den Gitterstäben deines Käfigs zu verwechseln. So lerne, dass nicht der Körper das Gefängnis ist, obwohl du glaubtest, das so verstanden zu haben. Es ist vielmehr die Art, wie du noch immer über den Körper denkst. Dein wahres Gefängnis ist das Prinzip der Unterwerfung, das durch ihn noch immer in dir weiterlebt. Liebe dein Spiegelbild für das, was es ist. Respektiere es, kehre ihm nicht den Rücken, denn es neigt dazu, sich für dich zu halten und an deiner Stelle, das Spiel des Lebens zu spielen.
Indem du es mit Gleichmaß und Weisheit in Ehren hältst, als eine Facette des Ewigen, werden die Stäbe seines Gefängnisses zurückweichen.
Geh nun weiter und danke der Erinnerung an die Unterwerfung des Körpers, dass sie dir den Sinn der Verwechslung beigebracht hat. Setze deinen Weg der Unterscheidungsfähigkeit fort und tritt durch die sechste Feuertüre!”
Der Meister hat wohl gehandelt, denn ich kann mich nicht erinnern, selbst einen Schritt gemacht zu haben. Ich weiß nur noch, dass ich das Gefühl hatte, von etwas Schwerem befreit zu sein.
Und da war schon das sechste Portal, direkt vor mir, noch heller von Flammen erleuchtet, als die vorigen. Diesmal zögerte ich, durchzugehen, denn ich sah, dass ich nun zu ‘etwas anderem’ übergehen musste. Es galt, endgültig die Trauer um die Spuren meiner einstigen Gefangenschaften anzutreten. Denn wir hegen selbst für unsere Ketten und Fußeisen letztlich eine Art von Zärtlichkeit. Selbst das Andenken an unsere Krankheiten liegt uns am Herzen. Sie geben einem Sicherheit, wie die Meilensteine am Wegesrand.
Als ich schließlich die Feuerschwelle überschritten hatte, drang Jeshuas Anwesenheit wieder in mich ein. Sie hatte etwas von einem frischen Wind und machte mich beinahe glücklich. Wann hatte ich mich zuletzt so gefühlt …?
“Hier bist du im Herzen der trunkenen Weisheit, kleine Seele. Geh hinein … Was siehst du?”
In meiner neuen ‘Abwesenheit einer Form’ ging ich drei Schritte vorwärts, gerade genug, um ein immenses Lächeln erkennen zu können, das im Licht schwebte. Es nahm einen riesigen Raum ein. Ich sah es an … begriff nur leider nicht, was es mir sagen wollte. War es Glück, Sanftmut und Zärtlichkeit, eine heitere Ruhe … oder Heuchelei, Überheblichkeit und Dünkel? Wie auch immer, jedenfalls war ich noch immer so unerklärlich glücklich. Innerlich rief ich: “Wie könnte ein Dämon Weisheit heißen?”
“Und was machst du mit dem Wort ‘trunken’, Seele von Miriam?”, fragte der Meister. “Ist es nicht womöglich ‘das’, was die seltsame Freude, die du empfindest, eigentlich auslöst? Wundert dich das? Das muss es nicht, denn in Wahrheit bist du es, die sich einem Freudentaumel hingibt und nicht er, der sich dir aufdrängt.
Hör aber weiter … Auf dem Weg von sich selbst zum höheren Ich gibt es so etwas wie lächelnde Dämonen. Sie sind darum nicht weniger schrecklich.
Wenn das Wesen des Menschen meint, genug vom Leben verstanden zu haben, so gefällt es sich, beim Anblick seiner ehrwürdigen Falten und seines ergrauten Haars, ein bestimmtes Lächeln aufzusetzen. Es ist das Lächeln dessen, der meint, nun das Recht zu haben, sich hinzusetzen und seine eigene Weisheit zu bestaunen. Und gewiss hat er das Recht dazu … Das Problem liegt nicht in der Frage, ob man das Recht hat, sondern in dem, was da betrachtet wird … Denn eine Weisheit, die sich in Befriedigung und Ernsthaftigkeit hüllt, hat ihren Namen nicht verdient. In Wahrheit heißt sie: Rausch der Überheblichkeit.
Ich kann dir sagen, kleine Seele, ihr Dämon dringt überall ein … Er befällt jeden Menschen, zu einem bestimmten Zeitpunkt seines Weges zur höheren Erkenntnis. So streiche nun ein Balsam auf die letzten Narben, die er in dir hinterlassen hat.
Ein Weiser, der sich an sich selbst berauscht, weiß noch nichts von der Weisheit. Er kann sie nur nachahmen, bloß mit ihrem Lächeln unterzeichnen. Die Maske, die er sich damit aufsetzt, haftet lange auf seiner Haut, weil sie so durchsichtig ist, dass sie ganz rein und klar wirkt.
Die trunkene Weisheit ist wie ein Schlaftrunk, liebe Seele von Miriam. Sobald man ihn an die Lippen führt, setzt Entspannung ein. Sie steigt auf, wie eine Aufwallung von Stolz, ein tragfähiger Stolz, von dem man bereits ahnt, dass man sich wieder und wieder auf ihm ausruhen kann.
Der Anteil dieses Stolzes, der sich im Kopf befindet, lässt sich noch irgendwie bekämpfen … doch jener, der es geschafft hat, sich im Herzen einzunisten, schlägt dort sehr tiefe Wurzeln. Insbesondere an ihn denke ich, wenn ich dir von ihm berichte. Denn er beruft sich als Rechtfertigung auf das Göttliche.
Die trunkene Weisheit ist dermaßen in ihrer eigenen Arena gefangen, dass ihr die Lüge allmählich zum Weltgesetz wird. Wenn du der FRAU dienen willst, so musst du auch die allerletzten Reste der Parodie der Weisheit in dir vertilgen. Lache den spirituellen Stolz aus! Pfeif darauf!”
Ich weiß nicht, ob ich gelacht oder gepfiffen habe, versucht habe ich es jedenfalls, denn ich verstand nur allzu gut, worum es ging. Das Spiel der Faszination an der Weisheit hatte ich auf den Vorplätzen der Synagogen nur allzu oft beobachtet. Ob ich in diesem Leben auch selbst daran teilgenommen hatte, wusste ich nicht, doch es war sehr wahrscheinlich. Frönte ich diesem Spiel nicht vielleicht gerade seit Kana? Ich war … die Ehefrau des großen, weißen Rabbis, von dem alle redeten … und da Er mich ja auserwählt hatte, war ich wohl ein wenig wie Er!
Lächelte ich etwa insgeheim, so wie diese satten Seelen, auf dem Gipfel des Berges, den sie eben erklommen haben? So ist es wohl, dachte ich …
(…). Zum Glück begann da eine andere Feuertüre knisternd den Raum einzunehmen. Ich stürzte mich in ihre Arme, ohne die Hilfe des Meisters abzuwarten. Doch diesmal war es gar nicht so leicht, durch die Flammen zu dringen. Es schien so lange zu dauern, weil ihre Weisheit sich Zeit ließ, um keine meiner Schutzschichten der Verbrennung entgehen zu lassen.
Schließlich trat ich aus dieser reinigenden Pforte hervor, oder vielmehr, die Feuerzungen um meine ‘abwesende Form’ verloschen.
“Rabouni … Rabouni!”, schrie ich innerlich.
“Meine Liebste … Was glaubst du, wo du jetzt bist?”
“Ich weiß es nicht, aber ich kann nicht mehr und ich bin wütend, weil ich das Schauspiel meiner Dummheit und der Dummheit der Welt mit ansehen musste. Auf einmal wird mir so vieles klar! Ich beginne all die Öffnungen wahrzunehmen, durch die der Friede in mein Wesen und in das meiner Mitmenschen eindringen will! Ich sehe all das und es ärgert mich, weil mir alles so einfach vorkommt, dass ich nicht begreife, warum das Klare Licht sich noch immer nicht zeigt.”
“Es zeigt sich nicht, wegen deines heiligen Zorns. Hiermit sage ich dir, Miriams Seele, du bist soeben in die Welt des ‘Zornes der Weisheit’ eingedrungen. Der Dämon des Zorns der Weisheit ist ein ebenso mächtiger Dämon wie die anderen, das kannst du mir glauben. Man rechnet nur viel weniger mit ihm, weil er im selben Moment auftritt, wie die ersten Strahlen des wahren Lichts.
Wenn das Bewusstsein endlich in groben Zügen den Weg der Vereinigung mit dem Göttlichen erkannt hat, kommt es vor, dass es von Wut erfasst wird. Während seine Flügel bereit sind, sich auszubreiten, wird es doch von geschickten Verstrickungen durcheinandergebracht, die der Schatten erfunden hat, um all die scheinbar so einfachen, gangbaren Wege zu verwirren …
Und so erforschst du nun den heiligen Zorn … Es ist ein Zorn, der alle Eigenschaften des Rechtmäßigen hat. Man besucht ihn mit der Gewissheit, das Zepter des Wissens und das Schwert der Wahrheit in der Hand zu haben, jenes Schwert, das die Dinge trennt und klarstellt. Hör nun gut zu, Seele von Miriam. Es stimmt, dass der Zorn der Weisheit auftritt, wenn man bereits in zahllose Geheimnisse eingedrungen ist. So reißt er unzählige Mauern ein … versteht aber nicht, dass gerade, indem er die Gerechtigkeit so vehement verficht, eine letzte Festung errichtet wird.
Eine Weisheit, die den Zorn zu Gast bittet, nährt in Wahrheit nur wieder die Trennung.
Weisheit ist nicht Einheit, sondern eine menschliche Pforte zur Einheit. Manchmal muss man das Schwert der Weisheit schwingen, denn es lehrt jene, die noch nicht ganz menschlich sind … Doch muss man vor allem wissen, dass ein Zorn, der vergisst, dass auch er nur Teil des Spiels auf der Bühne des Lebens ist, sich zwangsläufig von der Weisheit abspaltet, die ihn hervorgebracht hat. Er ist nur noch Wut, nur noch Spaltung … So verlasse nun diese Welt, kleine Seele, verlasse sie und finde den Ausweg aus den Kulissen!”
Im tiefsten Inneren stand ich dieser Feststellung, die mir doch ziemlich schrecklich vorkam, hilflos gegenüber. Der Meister hatte mich offensichtlich bis ans Ende des Weges der angekündigten Reinigung geführt. Ich aber sah nur eine Sackgasse darin, da mich die Wut – und sei sie auch heilig – quälte. Und weil sich alles in mir und um mich herum nur noch wie dunkler Nebel anfühlte, bat ich demütig um Hilfe. Ich bat einfach die Allmacht um Hilfe und flehte, sie möge mich erhören, ob Sie nun Jesuha hieß oder nicht.
Da erklang ein Ton im Inneren meiner ‘Abwesenheit einer Form’. Er bestand nicht aus Worten. Es war ein wogender Strom purer Gewissheit. Er sang:
“Schon dein Ruf ist die Antwort, die einzige Antwort. Wer vollkommen menschlich werden will, wird eines Tages jede Kontrolle über das verlieren, was er für seine Vernunft und sein Herz hält, so ist es bestimmt. Und so wird er durch ein achtes Feuerportal hindurchgehen. Dies offenbart das Leben hinter den Kulissen. So wird er seinen Weg des Aufstiegs durch die sieben Welten der Wut hinter sich lassen.
Nun, da du die Rinde durchdrungen hast, bitte darum, auch das Mark zu sehen, den Lebenssaft.”
Und so (…) bat ich noch einmal, in noch größerer Hingabe, um Befreiung. Die Antwort war das Erscheinen einer achten Feuerschwelle. Frei von jeglichem Gedanken ließ sich das, was von meiner ‘schwebenden Anwesenheit’ noch übrig war, davon verschlingen. Ein Blitz fuhr auf und ich fiel mit einem gewaltigen Ruck wieder in meinen Körper zurück. Ich wartete, ohne irgendetwas formen zu können, weder Worte noch Bilder. Ich wartete, bis ich einen leichten Druck spürte – auf meinem Kopf, der nun wieder da war. Es waren die Hände des Meisters, die ihn umfassten.
Langsam kam ich wieder zu Kräften und öffnete die Augen. Über mir war nur die nächtliche Wölbung des Firmaments, ein wundervoller, völlig klarer Sternenhimmel. Mittendrin leuchtete ein Stern heller als die anderen und funkelte unablässig. Ich erkannte ihn. Es war der Stern der Ahnen unseres Volkes, Mond-Sonne, den man den Initiator nannte.
Der Meister sagte ein paar Worte zu mir. Was, weiß ich nicht mehr. Vermutlich sprach Er von Willkommen, Liebe, Tod und Geburt.
Ja, ich kam von einer sehr langen Reise, tauchte daraus empor.
Ich war erschöpft und erhob mich mit Mühe von dem großen, flachen Stein, auf dem ich gelegen hatte. Während ich Jeshuas Hand hielt, warf ich einen letzten Blick auf ihn zurück. Da hatte ich das intensive Gefühl, einen Leichnam darauf zurückzulassen, den, der ‘gefrorenen Erinnerungen’. Von diesem Moment an, war ich nicht mehr dieselbe … Ungeachtet der Wunden, die das Leben mir schlug und trotz meiner oft noch zögerlichen Schritte, hat die Kraft der Freude mich nie wieder verlassen. Ich werde sie bis zu meinem letzten Atemzug weitergeben … Denn sie ist der wahre Lebenssaft, nach dem diese Welt sich sehnt.
Daniel Meurois: Jesus’ Jüngerinnen.
Das geistige Erbe der drei Marien.
384 Seiten. Silberschnur Verlag.
ISBN: 978-3-89845-521-3
Lesen Sie auch die Fortsetzung:
Nach dem Tode Jesu und auf der Flucht vor den Römern macht sich eine Gruppe von Jüngern, unter ihnen die Jüngerinnen und späteren Heiligen Maria Jakobea und Maria Salome, auf eine Reise ins Ungewisse.
Indem die Autorin in das Gedächtnis der Zeit eintaucht und die Begebenheiten – durch die Augen von Salome – wahrnimmt, schildert sie uns von den wahren Ereignissen, die sich an diesem Ort in Südfrankreich vor 2000 Jahren zugetragen haben. Sie berichtet von der Schiffsfahrt von Galiläa in die französische Camargue, wo Salome, Martha von Bethanien, Miriam von Magdala und vor allem Jakobea die Heilkunst praktizieren, die ihnen von Jesus selbst gelehrt wurde. Sie geht auf die wahren Natur des Atems zur Heilung von Körper und Seele ein und beantwortet zahlreiche Fragen, wodurch sich zugleich eine historische Lücke schließt.
Marie Johanne Croteau-Meurois:
Die Wunder der heiligen Jüngerinnen.
256 Seiten. Silberschnur Verlag.
ISBN: 978-3-96933-023-4
