Dann begannen die Visionen, äußerst lebendig und präzise. Sie sprachen alle meine Sinne an – doch auch meinen Geist in seiner größten Klarheit. Zum ersten Mal tauchte ich wahrhaftig ein ins Gedächtnis der Zeit … 

Ich war noch ein Jugendlicher, trug ein braunes Gewand und stand im Hof eines riesigen Tempels. Was auf dem Vorplatz geschah, gefiel mir gar nicht. In einer Ecke war eine Herde Kühe eingepfercht. Es stank bestialisch nach Blut. Unterhalb der großen Treppe, auf der ich mich befand, machten sich Priester mit rasierten Schädeln zu schaffen. Sie hantierten mit wuchtigen Metallkesseln und irdenen Gefäßen. Zu ihren Füßen lagen stapelweise Pflanzen am Boden, darunter auch Korn. Es war Gerste, das wusste ich. 

Mein Vater gehörte auch zu ihnen. Er hieß Purudrashpa. Sein Brustpanzer war mit Lapislazuli besetzt. Er war der Chef und überwachte jede Phase der Vorbereitungen minutiös. Große Feierlichkeiten mit vielen Ritualen standen bevor … Das zeigte sich überall, selbst in den Blicken, die mir begegneten. Es ging um die Verehrung unseres wichtigsten Gottes, Ahura Mazda. Viele Hände regten sich, um das heilige Getränk zuzubereiten – jene bräunliche Flüssigkeit, die wir Haoma nannten. Sie sollte uns Zugang zu den Welten eröffnen, die hinter unserer verborgen lagen. 

Auf mir lastete jedoch eine tiefe Schwermut, während ich all diesen Männern zusah, die mit Steinstößeln ganze Hände voll getrockneter Halme, Pilze und Flechten zerstampften. Auf diese Weise entstand ein dicklicher Saft, der dann mit Milch und Gerste vermischt wurde. Zuletzt ließ man das Ganze mit etwas Honig fermentieren. Alle wirkten freudig und andächtig zugleich. Unterdessen spulte ein Mann, den ich nicht sehen konnte, eine endlose Litanei herunter. Sie bestand nur aus drei Tönen … war also immer gleich. Das ließ fast schon Wut in meinem Bauch aufsteigen, jedenfalls einen Widerwillen, den ich nachhaltig unterdrücken musste. 

Was erhofften sie sich nur alle? Ihren Verstand und ihre Sinne zu verlieren und dadurch dem Schöpfer und seinem Göttlichen Reigen näherzukommen? Wo war denn dieser verlorene Schöpfer – ihr Schöpfer? Etwa im Rausch, der ihnen ein Gefühl der Ablösung der Seele vom Körper verschaffen würde? Liebe oder ›Herz‹ konnte ich in alledem nicht wahrnehmen … und auch keine Türe, die sich wirklich auf unseren Vater Ahura öffnete – auf Ihn allein! 

Und dann waren da noch die Stiere und Kühe, die dort hinten in der Hofecke bald geschlachtet werden würden. Ihr Blut würde die Gesichter bespritzen und dann die Gassen der Stadt entlangfließen! 

Ein letztes Mal betrachtete ich all diese Zelebranten. Mein Vater war mitten unter ihnen. Ich gehörte nicht dazu, nicht zur ›Familie‹. Ich weigerte mich, diesen Kriegern anzugehören, den Bluttrinkern – und diesen ›Noblen‹, die sich zu Priestern erklärten, um das Amt dann an ihre Söhne zu vererben. 

Draußen in der Stadt würden sich bald Menschen versammeln, das wusste ich. So war es jedes Jahr, immer zur selben Zeit, seit einer Ewigkeit. Menschen – die im Wachzustand schliefen, aber überzeugt waren, lebendig zu sein … Menschen, die auf der Stelle traten und an das glaubten, was von ihnen verlangt wurde, weil man ihnen einredete, sie seien der himmlischen Höhen nicht würdig. Auch das ging schon ewig so. Es war einfach zu viel! Darum verließ ich den Tempel und ging quer durch die Stadt, zu den Bergen – an einen Ort, wo mich niemand finden würde … 

All das zeigte mir die Zeit. Sie breitete ihre Rollen aus und blätterte vor meiner offenen Seele ganz von selbst die Seiten um …  Ich sah, wie ich in einer Grotte lebte, von allen vergessen. Jede menschliche Gestalt, die sich in der Ebene abzeichnete oder zwischen den Felsen auftauchte, war mir zuwider! Zum Überleben brauchte ich kaum etwas. Einzig die Wüste meiner Einsamkeit zählte – innerlich wie äußerlich. 

Nein, es sollte nicht heißen, ich würde schlafen und mich vor den Masken des Göttlichen verneigen. Ich musste in das Geheimnis eindringen – in das meiner Seele und in das Geheimnis der menschlichen Seele. Es würde mich an die Pforte von Ahura Mazda führen, der unser aller Vater war … und nicht zu seinen Masken! 

Eines Tages – eines Nachts – erschien ein Besucher am Eingang meines Refugiums. Er fiel ganz plötzlich vom Himmel, wie ein Lichttropfen, der von einem Stern herabperlt. Genau im rechten Moment zeigte er sich, als mein abgemagerter Körper nicht mehr konnte. Sein Gesicht sah ich nicht, doch seine Stimme genügte. Sie entsprach allem, wonach ich wirklich hungerte und dürstete. 

»Ich heiße Anahita«, sagte sie, »Eins und Vielfalt zugleich. Mein Vater ist auch dein Vater, so wie der aller Menschen. Darum schickt er mich zu dir. Ich komme vom Stern, den dein Volk seit langer Zeit verehrt … Willst du leben?« 

»Was ist leben?«, hörte ich mich fragen.
 »Gut … dann willst du also leben!«
 Und so empfing ich eine ganze Nacht lang Anahita und sein Wort. Anahita war zugleich ein Mann und eine Frau, Feuer und Wasser, göttlich und … menschlich. Fünf Schritte von mir entfernt saß er auf dem Boden, genau wie ich … und versicherte, mich nichts lehren, sondern lediglich meine Seele anregen zu wollen, ihren Wesenskern zu entfalten, also die Essenz dessen, was längst in ihr lebte. Anahita zog die Fäden, welche Irrweg und Wahrheit im Herzen trennen und einen wiederaufleben lassen – doch nicht um die Glut des ›Schwarz-Weiß‹ zu schüren, sondern um der Ankunft des Geflügelten Menschen willen … wie er das nannte. 

Als Anahita fortging, spürte ich, dass ich endlich geboren worden war. Sieben Jahre waren seit meiner Flucht in die Berge verflossen. Sieben Jahre, die ich in äußerster Einsamkeit verlebt hatte. Doch nun war so langsam die Zeit gekommen, alles aus mir herauszusetzen, was in meinem Wesen keimte. So begab ich mich ganz allmählich hinab in die Ebene, um Menschen wiederzusehen – und zwar die Ärmsten. Menschen, die am wenigsten wussten und am tiefsten in den Fängen von Angst und Glauben verstrickt waren. Es waren viele Leidende darunter. Meine Hände legten sich wie von selbst auf ihre Leiber und die schmerzenden Stellen ihrer Seelen. 

Die Tage vergingen. Ich begann zu sprechen, ich wagte es. Ich äußerte meine Ablehnung gegenüber dem König, den Priestern und der Mauer, die sie um sich herum aufgebaut hatten. Außerdem sprach ich über ihre Unfähigkeit, die wahre Sonne des Ewigen zu sehen – oder auch nur einen Funken Seines Feuers zu erfassen und weiterzugeben. 

Monatelang klagte ich ihre Kriegslust an, ihren unstillbaren Trieb, am Fuße irgendwelcher sinnentleerten Statuen Tierblut zu vergießen. 

Jahr um Jahr verbrachte ich damit, ein ganzes Volk dazu aufzurufen, die Reinheit des Herzens zu suchen. Ich zog umher und verkündete meine Ablehnung des Haoma, sowie all dessen, was zur Verzerrung des Innenlebens der menschlichen Seele beitrug. Vor allem aber erzählte ich von unserem Vater Ahura Mazda … 

Ich fand Gehör. Meine Worte und Hände heilten unermüdlich … Daher musste ich fliehen, um meinen Körper zu erhalten, aber auch den Geisteshauch, der nicht verebben wollte. Der König und seine Priester wollten mein Leben auslöschen … 

So kam ich in ein Reich, in dem ein guter Mensch herrschte. Er hieß Ish-Pates(1). Damals war ich schon dreißig Jahre alt … Auf dem Weg, der mich zu ihm und den Seinen führte, schlug am helllichten Tag ein Blitz in mich ein. Es geschah, als ich alleine in einem kleinen Unterschlupf saß. Ein weiterer Appell an mein Herz, alle Regionen meines Körpers zu durchpulsen. Noch eine Geburt! 

Ich war zu einem Gefäß geworden, das fast schon zu voll war, vom Geiste Ahura Mazdas. Daher gab mir Ish-Pates selbst den Namen Zerah Ushtar – Stern, der leuchtet, wie die Sonne.(2) 

Zuerst wollte ich diesen Namen und Titel nicht. Doch je freier mein Wort wurde – unterstützt vom Herrscher und eingeklagt von allen Wunden seines Volkes – musste ich mich letztlich beugen und ihn doch annehmen. Glut ist Glut … 

Allmählich wollten die Menschen mir folgen, vom Priester bis zum einfachen Landarbeiter. So zogen wir gemeinsam durchs Land. Überall sollte ich meine Hände auflegen! Es ging mir vor allem um die seelischen Wunden der Menschen – gerade auch jener, die sich am meisten sträubten – fast noch mehr als darum, körperliche Wunden zu verbinden. 

Es galt, ganz einfache Regeln aufzustellen. Zunächst einmal durfte kein Blut mehr fließen … Unser Vater brauchte die Opfer all dieser Tiere nicht! Sofern der Ur-Instinkt, Opfer darzubringen in der Seele des Volkes noch allzu verankert war, würden diese eben aus Datteln, Granatäpfeln, Weihwasser oder etwas Milch und Wein bestehen. Diese Gaben sollten auf einen quadratischen Stein gelegt werden. Dann konnten die Leute sich um ihn herum versammeln. 

Später sah ich mich von einem kleinen Felsenhügel inmitten einer Schotterebene zu einer großen Menschenmenge sprechen. Ich suchte nach Worten und höheren Prinzipien, um das brachliegende Wesen des Menschen aufzubauen und ihm eine neue Form zu geben. ›Zerah Ushtar! Zerah Ushtar!‹ erklang es von allen Seiten. Es war, als solle eine neue Gottheit aus mir gemacht werden, die man verehren kann. Was ich wirklich zu geben hatte, wurde gar nicht verstanden. Als ich mich erhob und meine Arme öffnete, musste ich fast schreien: 

»Merkt euch eines«, rief ich, »alles in dieser Welt basiert auf dem Gesetz des Säens und Erntens! Jede Handlung zieht eine weitere Handlung nach sich. Das ist die schönste Gerechtigkeit unseres Schöpfers.« 

Ich benannte die drei Prinzipien, die allem Leben als Leitfaden dienen sollten: Stimmige Gedanken, stimmiges Sprechen und richtiges Handeln. 

»Was ist richtig?«, wurde ich gefragt. 

»Richtig ist, was zum Guten führt, was die Seele nicht verdirbt, sondern sie wahrhaft schöner macht – jenseits trügerischer Ideen und Worte.« 

Dann sah ich, wie ich von meinem Felsenhügel herabstieg und in der Menge umherging, um die Essenz dessen, was ich selbst erhalten hatte, weiterzugeben … 

»Niemand soll einen anderen unterdrücken. Es soll keine Sklaven mehr geben. Freiheit soll jedem Herzen eingeschrieben sein. Diebstahl und Faulheit sollt ihr eine Absage erteilen. Es soll Fülle kultiviert werden und alle mögen an ihr teilhaben. Die Tiere sind unsere Brüder, darum müssen sie mit Respekt behandelt werden. Die Reinheit des Feuers, des Wassers, der Luft und der Erde soll erhalten bleiben … 

Ihr müsst wissen, dass jeder Mensch sich unmittelbar an seinen Himmlischen Vater wenden kann – aus tiefstem Herzen. Das ist auch seine Aufgabe. Ja, rief ich wieder, wir haben nur einen himmlischen Vater – und das ist Ahura Mazda! Er ist einzigartig – weder Licht noch Schatten, denn er steht weit über allem … Er hat zwei Kräfte geschaffen, zwei Geister – nicht um uns zu entzweien, sondern damit wir lernen zu wählen – und daran zu wachsen. 

Diese beiden Kräfte, müsst ihr wissen, sind nicht im Himmel, sondern in uns … Die Kraft des Lichtgeistes, die euch führt, könnt ihr Spenta Mainyu nennen und die des dunklen Geistes, der versucht, euch in die Irre zu führen, Angra Mainyu(3). Ihr tragt beide in euch … Nie wieder sollt ihr Idole darin sehen, die außerhalb von euch liegen. Wer Religionen verkauft, profitiert von eurer Unwissenheit. Doch die Zeit dieser Händler geht nun zu Ende. Richtet euch also auf und sprecht mit eurem Vater der Fülle … Vereinigt euch auch untereinander und teilt das Brot, um eure Verbindung mit ihm zu ehren.«

 Und dann … verging die Zeit. Sie verflog geradezu … Ich heilte unermüdlich, auf den Feldern, in der Wüste und im Gebirge. Manchmal nahm ich das Feuer zwischen meine Handflächen und bearbeitete es so lange, bis es zu einer Kugel wurde, die ich vom einen zum anderen springen ließ. Damit wollte ich einfach zeigen, wie der Ewige Herr uns durch alle Zyklen und Reigen der Welten in sein Gleichgewicht einlädt… 

Eines Tages blieb das Feuer in meinen Händen. Sie begannen, etwas zu formen, Dinge und Nahrung. Alles ging daraus hervor! Ich verteilte es und gab den Menschen zu essen. Da hörten sie mir nicht mehr zu … 

Eines Abends habe ich es schließlich gesehen und begriffen … Also zog ich mich wieder zurück in die Berge. Dort ist meine Seele ganz von selbst weggeflogen, denn es war Zeit … 

Auf einmal schien ich aus unendlicher Höhe herabzufallen. Ich fiel, bis meine Stirn auf den Stein knallte. Mein Nacken und meine Brust taten mir furchtbar weh! 

Vorsichtig öffnete ich die Augen … So, es war vorbei … Ich hatte das Leben Zerah Ushtars wieder verlassen. 

Mein Körper lag schwer auf der Steinplatte. Ich war wieder da – in meiner ›neuen Gegenwart‹ gleichsam festgenagelt. Mein Herz hatte sich der Überfülle seiner Erinnerung entledigt. Alles tat mir weh. Yosh Heram und die Priester halfen mir behutsam beim Aufstehen. Sie stützten mich und geleiteten mich zu einem kleinen, kubischen Sitz. Schließlich gaben sie mir ein wenig Wasser. Einige der Anwesenden wollten meine Füße berühren, wegen einiger Dinge, die ich während meiner Visionen geäußert hatte. Ich fuhr hoch und lehnte das ab. Ich war doch erst ein ganz junger Mann auf der Suche nach sich selbst! Kein Halbgott und auch kein Meister! 

Dieser Gedanke ergriff so sehr von mir Besitz, dass ich heftig reagierte. Ich musste so schnell wie möglich hinaus an die Luft. Oh, wie wunderbar es war, die kühle Nachtluft im Hofe unseres Tempels wieder zu spüren! Ich empfand sie als ebenso befreiend wie mein Erlebnis. Es hatte auf heilsame Weise mein Gedächtnis entlastet. 

 (…) Bal Baktr war eine einladende Stadt und wir hatten ein gutes Quartier. Alles sprach dafür, die kalte Jahreszeit hier zu verbringen und erst im Frühling weiterzuziehen. Das war nur vernünftig. Wie vereinbart, würde allein Melkus bei uns bleiben. Die Karawane hingegen würde mit neuen Tausch- und Handelswaren beladen sogleich aufbrechen, um so weit wie möglich nach Westen zu ziehen. Unsere Aufgabe war es, kleine Pferde oder Maulesel aufzutreiben, die fürs Gebirge geeignet waren. Mit ihnen konnten wir dann in der warmen Jahreszeit weiterziehen. 

 (…) Das Volk, mit dem wir ab und zu in Kontakt kamen, mochte ich sehr. Es war ernst und würdig. Ich gab mir Mühe, ein paar Worte seiner Sprache zu lernen. Außerdem beobachtete ich, wie die Menschen lebten, wie sie aßen und beteten. Nach und nach versuchte ich herauszufinden, woran sie wirklich glaubten. Ich wollte wissen, welches Erbe sie bewahrt hatten, von dem Mann, der ich … vor angeblich über tausend Jahren wohl gewesen war. Mehr als tausend Jahre! Das war viel zu lange … 

Natürlich wurden mir die Schwächen des menschlichen Erinnerungsvermögens bald bewusst. Diese Neigung, alles zu verzerren und einzutrüben, was Willenskraft erforderte – oder die Fähigkeit, über sich hinauszuwachsen. 

Hatte Zerah Ushtar sich etwas erträumt, das zu schön war für diese Welt? Hatte ich in ihm von mir geträumt … oder in mir von ihm? 

Wenn ich mir so ansah, was in den Tempeln der Stadt geschah und zuweilen gar an den Ritualen teilnahm, musste ich zugeben, dass der Kern seiner Aussage im Laufe der Jahrhunderte verblasst war. Die Priester tranken noch immer Haoma. Auch die Stieropfer waren unter wilden Prophezeiungen wieder aufgegriffen worden. Licht- und Schattengeist wurden dargestellt von Götzenbildern unter denen Tierfleisch geopfert wurde. Um zu beten musste man erst einmal ihre Gunst erwirken. Der Kampf zwischen Gut und Böse setzte sich also fort. Dass beides nur im Herzen des Menschen wohnt, war nicht verstanden worden. Außerdem traf es mich, in Mauernischen allenthalben das Bildnis einer Göttin vorzufinden, die ihre Brüste mit den Händen festhielt. Es hieß, das sei … Anahita! 

(…) Anahita(4) war niemand anders als der Elohim, das geistige Wesen des Sterns ›Mond-Sonne‹ – Leitstern der Essener und aller Menschen, die Augen und Ohren hatten. Das wusste ich. War er – war es – ebenfalls untergegangen? Das erschien mir unmöglich. Es ging darum, die Perspektive zu öffnen … und noch weiter vorauszublicken … 

Und so rief und betete ich, in Worten, die nur so aus mir hervorquollen. Yosh Heram unterstützte mich sehr respektvoll. Er war freudig überrascht von der Pforte, zu deren Öffnung er beigetragen hatte. Meine Appelle waren so innig, dass sich diese im tiefsten Winter noch mehrmals auftat. Zwar nicht mehr so heftig und so weit wie letztes Mal, aber doch genug, um mich in meinen Überlegungen voranzubringen. 

Ich bekam zu sehen, wie Zerah Ushtar heiratete. Er wurde Vater dreier Töchter und genoss sein Leben als Mensch und Mann. Daraufhin konnte er im vollen Wissen um die Gaben der Erde von der Sonne erzählen. 

Ich sah ihn lachen, weinen … und so tun, als sei er wütend, um Dösende zu wecken und aus Rebellen das Beste hervorzukehren. Schließlich sah ich, wie er alt wurde und einen Bildhauer suchte. Er wollte eine seiner Visionen verewigen: den perfekten Menschen, als absolutes Symbol, das die Zeiten überdauert. 

Dieser ideale Mensch hieß Fravahr(5) … Mit seinen ausgebreiteten Flügeln war er der ewige Mensch – der Mensch vor – und nach den Zyklen seiner Leben. Auch ich glaubte an ihn. Ich glaubte an jene grundlegende Wirklichkeit, die uns allen insgeheim eingraviert ist, fein ziseliert, ganz gleich, welchen Namen man ihr gibt. 

In diesem strengen Winter in Bal Baktr ertappte ich mich oft dabei, wie ich über das Bild jenes Wesens nachsann, das wie eine zu entziffernde Sprache auf den Tempelsimsen zu lesen war. Es war geistige Nahrung für mich. Denn es schien zu sagen: »Nimm die Fackel wieder auf und schwing sie höher!« 

Als der Frühling kam, hatte ich mein vierzehntes Lebensjahr fast vollendet. Meine Kraft und Entschlossenheit wuchsen. Doch zuweilen wurde ich von Schwindelgefühlen erfasst … 

© Daniel Meurois. Auszug aus Kapitel 15: Zerah Ushtars Gedächtnis 

In: JESUS – DIE UNBEKANNTEN ERSTEN DREIßIG JAHRE (Band 1), Silberschnur Verlag, ISBN: 978-3-96933-044-9, 480 Seiten.

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Fußnoten: 

(1) Die Geschichtsschreibung berichtet von einem Herrscher Namens Hystaspes. Er soll der Vater von Darius I von Persien gewesen sein. Sofern es sich dabei um dieselbe Person handelt, lässt sich folgern, dass Bal Baktr der heutigen Stadt Balch entspricht. 

(2) Zerah Ushtar – das heißt Zoroaster. Vgl. Kapitel 2, S. 28. Der erwähnte Blitz verweist auf das Phänomen einer ›Überlagerung‹. Es macht Zoroaster zu einem so genannten Avatar (Av-Shtara). 

(3) Spenta Mainyu ist besser bekannt unter dem Namen Ormuzd – der Geist des Guten. Angra Mainyu hingegen unter dem Namen Ahriman – die Energie des Bösen. Die dualistischen Kulte entstanden, weil diese Kräfte falsch aufgefasst wurden. 

(4) Der Name Anahita hängt natürlich mit Isthar – bzw. Venus – zusammen, dem Symbol der Liebe. Entsprechend verweist er auf Anahata – was in der hinduistischen Tradition dem vierten Chakra, also dem Herzchakra entspricht. Dies steht in Verbindung mit dem Keimatom des Menschen und seinem Akasha-Gedächtnis. 

(5) Das Symbol des Fravahar ist vergleichbar mit Adam Kadmon, welcher in der jüdischen Einweihungstradition den androgynen ›vollendeten Menschen‹ vor dem Sündenfall repräsentiert.