Ich habe nicht vergessen, dass mir plötzlich stark schwindelig wurde und ich mich setzen musste. Meine Sicht trübte sich, während mein Bewusstsein in Richtung von etwas geschleudert wurde, das ich augenblicklich als mögliche Zukunft erkannte … Männer in seltsamer Kleidung bekriegten sich, Blut floss in Strömen, während eigenartige scharlachrote Kreuze durch die Lüfte schwangen. Der Name des Gesegneten prägte schweigend meine ganze Vision … aber nichts sprach von Frieden oder Liebe. 

Es waren schreckliche Bilder, und ich musste Gaios sagen, dass ich etwas Ruhe brauchte und es wohl auch gut wäre, wenn er zu Epiphanes ginge, um ihn zu begrüßen. Tausend Gedanken überschlugen sich in mir, und alle führten mich zu einer unerlässlichen Begegnung mit Kerinth. Ein Teil meines Wesens hatte plötzlich eine wahre Verletzung erlitten … 

Wie konnte dieser Mann vom Lebensatem sprechen und dabei den Meister außer Acht lassen, der Ihn in Seinem Fleisch getragen hatte? War es Unwissenheit oder die Leugnung einer Wirklichkeit, die ihn so handeln ließ? Und war es so schwierig, sich vorzustellen, dass der Mensch und das Göttliche aufgerufen waren, sich durch Jeshua zu vereinen, und dass sich unserer Menschheit damit ein neues Portal geöffnet hatte? 

Wenn das, was Gaios mir über Kerinth erzählt hatte, stimmte, dann verlängerte er den Bruch und bewahrte die Kluft zwischen den Universen. Niemals konnte eine Halbwahrheit zur Wahrheit werden! 

Als der Gesegnete uns Mal um Mal gesagt hatte, dass Er um der Erhabenheit seiner Verletzlichkeit willen Mensch bleiben wollte, war das gewiss nicht umsonst gewesen! Für das ganze Menschengeschlecht gab es eine Vermählung zu verkünden, und wenn der Logos der Ehegatte war – woran ich nicht zweifelte –, konnte niemand Seine Angetraute so leichtfertig beiseite wischen. 

Ja, es war möglich, den Meister als Angetraute zu betrachten, und es bedeutete keinesfalls, Ihm dadurch irgendetwas von Seiner männlichen Natur zu nehmen. Er selbst hatte es nicht verneint und einigen von uns anvertraut, dass Er, als Er wie ein Schwert gekommen war für das, was Er damit schneiden musste, gleichzeitig auch die Scheide dieses Schwertes war, so sicher, wie Wein und Kelch einander auf ewig bedingten. 

Ich erinnere mich noch … In jenem Sommer mitten in der Nacht, wie damals in Pergamon, beugte sich abermals eine große, makellose Gestalt über mich, die liebevoll, beruhigend und noch immer genauso mütterlich war. 

“Johannes! Johannes! Willst du sehen? Deine Natur ist es zu sehen … Aber was wirst du aus deiner Sicht machen? Eine Waffe der Angst? Den Nährboden eines Schicksals oder die Verkündigung einer Hoffnung?” 

“Sehen? Ja, ich will sehen, sehen und verstehen …”, antwortete ich sogleich fieberhaft. “Aber niemals eine Angst ernten, die ich mich weigere zu säen … Meryem, Mutter … Bist du es?” 

Ich sah ein Lächeln, ihr Lächeln. Es täuschte nicht und setzte sich schon bald mit einer Hand fort, die sich auf meine Stirn legte. 

“Sehen? Aber warum sehen, wenn in Wahrheit alles feststeht, Mutter?”, hörte ich mich antworten. 

“Nichts steht fest, es sei denn der Schlaf, dem du entgegenwirken kannst.” 

“Ich?” 

“Nicht nur der Mensch, der du bist, sondern die Spur, die du hinterlassen kannst.” 

“Wie?”
“Sei wahrhaftig. Sanft und stark. Das ist alles.” 

 “Das Salz … Bist du das?” 

“Das Salz? Es ist der Teil des Meisters in dir. Nun blicke zwischen deine Augen und höre zu … 

Die Menschen werden krank sein, denn man wird ihnen sagen, dass sie krank sind. 

Die Menschen werden sich zu Sklaven machen, denn man wird ihnen sagen, dass man sie beschützt. 

Die Menschen werden sich beugen, denn sie werden nicht mehr die Kraft haben, sich wieder aufzurichten. 

Die Menschen werden in Schlaf verfallen, denn der Schlaf wird ihre Zuflucht sein. 

Dann werden die Menschen den Namen der Hoffnung ignorieren, denn jedes Bestreben wird sie verlassen haben. 

Schließlich werden die Menschen grasen, bis sie am Horizont einen wahren Hirten erblicken. 

Aber der Hirte wird sie lieben, indem er sie den Geschmack des Grases in sich aufnehmen lässt, bis sie den Wunsch nach dem Duft einer Blume wiederfinden wollen. 

Doch viele werden dann fragen: ‘Was ist eine Blume?’ 

Diese werden das Gras bis hin zur Wurzel essen müssen, um sich an den Geschmack der Erde zu erinnern. 

Dann wird die Erde zu den Menschen sagen: ‘Erkennt eure Mutter und verneigt euch nicht mehr vor der Krankheit, denn sie ist es, die die Hoffnung verschlungen hat.’ 

Dann erst werden die Menschen ihre Fesseln als das betrachten können, was sie sind, und sich wieder aufrichten können. 

Wie viele Tode, wie viele Leben, um zum LEBEN zu gelangen? 

Nur die Menschen werden es entscheiden, und dann wird der wahre Hirte unter ihnen wandeln …” 

 

Auszug aus dem Buch „Die Apokalypsen des Johannes“, S. 124 – 126.

© Daniel Meurois, „Die Apokalypsen des Johannes“, 304 Seiten. Silberschnur Verlag. ISBN: 978-3-96933-114-9

In diesem initiatorischen Buch begleiten wir den Jünger Johannes auf seinen Reisen nach Ephesos und Patmos. Wir stoßen auf geheime Lehren, die Jesus seinem Lieblingsjünger anvertraut hat. Sie werfen Licht auf die Ursprünge des Göttlichen, auf die Erschaffung des Kosmos und auf das Geheimnis der Archonten, die die Menschheit in einem Raum- Zeit-Gitter gefangen halten. Diese Lehren bringen uns in Berührung mit dem universellen Christus-Geist, der in allen Zeitaltern und in allen Traditionen gegenwärtig ist und der uns einen Weg zur Befreiung des menschlichen Bewusstseins aufzeigt.